Emily und Edie retteten ihre wilden Babys
Die extreme Dürre dieses Jahres hat allen Wildtieren schwer zugesetzt, ganz besonders aber den Jungtieren, deren Mütter in diesen Zeiten nur noch wenige Reserven zur Verfügung haben, um ausreichend Milch zu geben. Die traurige Konsequenz ist, dass die Kälbchen verhungern, was in diesem Jahr im gesamten Land (in Tsavo, Amboseli, Laikipia und im ohnehin sehr trockenenen Norden) zu großen Verlusten in den Elefantenfamilien führte. Eine weise alte Elefantenleitkuh, davon gibt es nach den Jahrzehnten des Elfenbeinhandels nur noch wenige, verfügt vielleicht über die Erfahrung, ihre Herde durch harte Zeiten wie diese zu bringen, weil sie selbst schon eine solch schwere Dürre miterlebt hat. Ein von Menschenhand aufgezogenes Elefantenbaby konnte diese Erfahrungen natürlich nicht machen und ist daher besonders gefährdet, wenn sich die Lebensbedingungen so verschärfen.
Viele Elefanten im Süden des Nationalparks Tsavo-Ost haben in diesem Jahr die Grenzen des Schutzgebietes auf der Suche nach Futter und Wasser überquert. Auch unsere ehemaligen Schützlinge, die zuerst in der Nairobi Nursery aufgepäppelt und später in Voi ausgewildert wurden, ziehen mit den wilden Herden. Zwei von ihnen sind Emily und Edie, die inzwischen 14 beziehungsweise 10 Jahre alt sind.
Im zarten Alter von einem Monat kam Emily zu uns in die Nursery. Edie war bei ihrer Ankunft bereits vier Monate alt und hatte ihre Mutter durch Wilderer verloren. Sie wurde aus Lewa Downs in Nordkenia zu uns gebracht. Beide wurden in der Nursery aufgezogen und später in Voi ausgewildert, wo die Leitkuh vieler anderer junger Elefantenwaisen wurde, die später folgten. Eines Tages machte sie deutlich, dass sie nachts nicht länger im Stall eingesperrt werden wollte, sondern bereit für die Wildnis war. Sie traf diese Entscheidung völlig selbständig und zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl. Edie und alle anderen Waisen der Gruppe waren völlig zuversichtlich, dass sie zusammen mit Emily ihre Menschenfamilie verlassen können.Von da an lebten sie unter den wilden Herden Tsavos. Mit einigen waren sie sogar schon seit ihrer Kindheit befreundet, als sie noch täglich mit ihren Keepern die Savanne durchstreiften.
Am 10. Dezember 2008 kehrte Emily zurück zu den Voi-Stallungen und brachte ihr erstes (von einem wilden Elefantenbullen gezeugtes) Baby zur Welt. Zwei wilde Kühe leisteten ihr als Hebammen bei der Geburt Beistand und auch einige der Kühe aus der Waisengruppe waren bei ihr. Die Keeper wurden zufällig Zeugen des Geschehens, durften sich Emily allerdings nicht nähern. Dafür sorgten die beiden wilden Hebammen, die die werdende Mutter vehement abschirmten. Emilys Baby wurde am späten Abend des 10. oder in den frühen Morgenstunden des 11. Dezembers 2008 geboren. Es war ein kleines Weibchen, und wir nannten sie „Eve“. Die beiden wilden Geburtshelferinnen blieben noch zwei Tage bei Mutter und Kind, und als sie verschwunden waren, beschloss Emily, ihr geliebtes Baby in die Voi-Stallungen zu bringen und es ihrer menschlichen Familie zu zeigen. Sie erlaubte ihnen sogar, es anzufassen, als es versehentlich stolperte und in die Stalltränke fiel. Den Keepern gebührte anschließend sogar das große Privileg, mit der ganzen Elefantengruppe zurück in den Busch zu laufen. Die Miniaturausgabe eines Dickhäuters turnte währenddessen verspielt um ihre Beine. Das Vertrauen, das den Keepern durch Emily und die anderen Waisen entgegengebracht wird, ist rührend, bewegend und etwas ganz Besonderes. Dabei merken wir jedoch jedes Mal wie ähnlich uns die grauen Riesen sind.
Während eines Routine-Streifganges im Mai 2009 stießen die Keeper auf alle unserer Waisen, die sich mit vielen wilden Elefanten auf dem Gelände der (elefantenfreundlichen) Ngutuni Ranch am Rande des Parks aufhielten. Wir stellten glücklich fest, dass nun auch Edie (ebenfalls in Emilys Gruppe) ein Neugeborenes bei sich hatte! Wir nannten die kleine Elefantenkuh Ella, und beide Babys spielten vergnüglich zusammen und erfreuten sich bester Gesundheit.
Vier Monate später, im Oktober 2009, ging die anhaltende Dürre jedoch nicht mehr spurlos an den Elefantenkälbchen in Tsavo vorüber. Täglich spielten sich tragische Szenen ab, von denen unsere Keeper einige mit der Kamera festhielten. So fanden sie zum Beispiel einen 6- bis 7-jährigen Elefanten, der sich am Boden wand und zu schwach war, wieder aufzustehen. Ein ausgewachsener Dickhäuter, der zum Trinken kam, stand traurig und hilflos neben dem Halbwüchsigen und war sich offenbar bewusst, wie nah dieser bereits dem Tod war. Unsere Keeper halfen dem Halbwüchsigen beim Aufstehen, und er machte sich auf wackligen Beinen davon. Wer weiß, ob er es geschafft hat. Jedoch sind genau solche Szenen in diesem Jahr an der Tagesordnung.
Anfang Oktober kehrte Edie mit ihrem Kälbchen zu den Voi-Stallungen zurück. Ihr Baby war dünn und gebrechlich, ihre Wangen- und Hüftknochen standen deutlich hervor. Edie wurde von einigen anderen Mitgliedern der ehemaligen Waisengruppe begleitet: Mweya, Irima und Morani. Die Keeper gaben ihr nun täglich eine Extraportion Grünfutter, Kopra-Kuchen und Milchwürfel um ihre Milchproduktion anzukurbeln. Nur wenig später konnte man bereits sehen, dass das Kälbchen an Gewicht zulegte. Es hat uns tief beeindruckt, dass Edie ihr Baby offenbar ganz bewusst zu uns brachte als es Hilfe brauchte, denn zuvor war sie fast ein ganzes Jahr nicht mehr an den Stallungen gewesen. Kurze Zeit später fielen einige kurze Regenschauer. Nicht annähernd genug, aber ausreichend um ein bisschen Grün in die trockene Landschaft zu zaubern.
Die Keeper ahnten jedoch nicht, dass Emily, die sich zur gleichen Zeit mit den anderen Waisen auf der Ngutuni Ranch aufhielt, ebenfalls Hilfe brauchte. Ganz offensichtlich hatte sie sich ihren wilden Artgenossen angeschlossen und diese hatten sich den Waisen angenommen, damit sie ausreichend Futter und Wasser bekommen. Emily schaffte es jedoch nur bis zur Voi Safari Lodge, denn die kleine Eve konnte keinen Schritt mehr vor den anderen setzen. Obwohl es inzwischen wieder etwas grüner wurde, hatte die Trockenheit deutliche Spuren hinterlassen. Sie war extrem abgemagert und völlig erschöpft, und als die Keeper sie so fanden, benachrichtigten sie uns sofort in Nairobi über den schlechten Zustand von Emilys Baby, das zwischen den Versuchen, Milch zu säugen, immer wieder zusammenbrach.
Es blieben uns zwei Möglichkeiten: Wir konnten versuchen, Emilys Kälbchen in der Nairobi-Nursery aufzuziehen. Das setzte allerdings voraus, Emily zu betäuben und ihr ihr Baby wegzunehmen. Damit hätten wir ihr Vertrauen für immer auf’s Spiel gesetzt. Eine weitere Option war, sie (wie Edie) in die Voi-Stallungen zu bringen und dort aufzupäppeln. Wir entschieden uns für Letzteres.
Die Keeper waren in der Zwischenzeit in die Stallungen zurückgekehrt und hatten ein paar (für Edie bereitgestellte) Milchwürfel und Keeper Mishak Nzimbi abgeholt. Er ist der Liebling aller Elefantenwaisen und kennt Emily schon seit dem Tag ihrer Ankunft in der Nursery. Wenig später trafen sie bei Emily und Eve in der Voi Safari Lodge ein, wo Mishak liebevoll von ihr begrüßt wurde. Emily labte sich dann an Milchwürfeln und Kopra-Kuchen (aus Kokosnuss), bevor die anstrengende Reise zurück zu den Voi-Stallungen begann. Sie dauerte ganze sechs Stunden für eine Strecke von nur wenigen Kilometern. Aber die kleine Eve war so geschwächt, dass der Wanderzug viele Erholungspausen einlegen musste und die Keeper schon befürchteten, dass das Baby zusammenbrechen und seinen ersten Geburtstag nicht mehr erleben würde. Am Ende des Tages hatten sie es geschafft und in den Stallungen angekommen, wurde Emily gefüttert und getränkt, und nur wenig später gesellten sich auch Edie und ihr Kälbchen dazu, mit Mweya, Irima, Morani und Lesanjus Gruppe (9 weitere Ex-Waisen, die erst kürzlich in die Wildnis zurückgekehrt sind). Da sich alle (Ex-) Waisen einer großen Familie zugehörig fühlen, begrüßen sie sich immer besonders herzlich und ausgiebig. Lesanjus Gruppe (den anderen noch relativ unbekannt) wurde einfach mit in den Familienkreis aufgenommen.
Emilys Baby Eve ging es deutlich schlechter als Ella, die sich zu dieser Zeit schon wieder gut erholt hatte. Emily blieb in den nächsten zwei Tagen in den Stallungen, wo sie von den Keepern ordentlich gefüttert wurde: mit frisch geschnittenem Grünfutter und Zusatzfutter, die ihre Milchproduktion in Gang bringen sollten. Man konnte fast dabei zusehen, wie Eve wieder an Gewicht ansetzte und es dauerte nicht lang, dass sie Keeper ordentlich in Schach hielt, denn sie hatte verstanden, dass diese freundlich waren und zu ihrer Elefantenfamilie gehörten!
Seither regnete es immer wieder in Tsavo und wir hoffen auf eine Extraportion in diesem Jahr, damit Tsavo sich wieder erholen kann. Emily und Edie, die ihre abgemagerten Kälbchen in der schweren Dürre des Jahres 2009 zu uns brachten, überzeugten und beeindruckten uns ein weiteres Mal durch ihr Vertrauen und extrem fürsorgliches Verhalten.