Ob und wie Artenschutz und Armutsbekämpfung in Einklang gebracht werden können, behandelt ein internationales Fachsymposium vom 17.-20. Mai 2011 in Wien. Gastgeber sind die Europäische Kommission und das österreichische Lebensministerium (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft). Diskutiert werden soll die Frage, inwieweit Dorfgemeinschaften in Entwicklungsländern vom Artenschutz profitieren können und welche gemeinsamen Maßnahmen den Schutz der biologischen Vielfalt fördern. Vor allem geht es dabei um Spezies aus den Anhängen des Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES). Ziel der Tagung ist, die internationale Zusammenarbeit in diesen Fragen zu fördern, gewonnene Erkenntnisse in Entscheidungsprozesse einzuspeisen und die Umsetzung von CITES in Entwicklungsländern zu fördern.

In einem Brief an den EU-Kommissar für Umwelt, Janez Potočnik, äußerte Will Travers, Präsident des Species Survival Networks (SSN), bereits vor der Konferenz Kritik an verschiedenen Tagesordnungspunkten. Er bemängelte die einseitige Sicht auf ausschließlich positive Effekte von Projekten zur Nutzung natürlicher Ressourcen. Die negativen Auswirkungen, besonders auf gefährdete Tiere und Pflanzen würden nicht hinreichend beleuchtet. Die Aktivitäten seien fast ausschließlich auf den Konsum und die Kommerzialisierung von Wildtieren wie Trophäenjagd und den Handel mit lebenden Tieren, Leder und Fleisch begrenzt. Ungeachtet blieben zahlreiche Beispiele, bei denen sich herausgestellt hat, dass die Kommerzialisierung von Wildtieren, oftmals unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung, sich in der Vergangenheit nicht als nachhaltiges Konzept erwiesen hat. Ökonomische und ökologische Vorteile einer nicht-kommerziellen Nutzung der natürlichen Ressourcen seien kein Bestandteil der Tagesordnung.

Im Programmheft der Veranstaltung steht geschrieben, dass „viele CITES-Diskussionen (auch in der EU) – besonders im Fall von charismatischen Arten – heute deutlich mehr von Tierschutzmotiven und kulturellen oder ästhetischen Beweggründen geprägt sind, als dass sie sich auf objektive Argumente konzentrieren. So z.B. die Kriterien der CITES, ab wann eine Tier- oder Pflanzenart als gefährdet eingestuft wird oder inwiefern die Nutzung natürlicher Ressourcen zum Schutz einer gefährdeten Art beitragen könnten.“ SSN widersprach dieser Beschreibung der CITES-Aktivitäten auf das Heftigste. Ebenso sei die kommerzielle Nutzung natürlicher Ressourcen lediglich einige von vielen Möglichkeiten und ihre Auswirkungen unterliegen lediglich Schätzungen. Man könne nicht pauschal von einem Nutzen für die bedrohten Tier- und Pflanzenarten ausgehen, dies müsse projektabhängig immer wieder neu untersucht werden. Die CITES-Kriterien zur Einstufung der Gefährdung einer Art beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen, und Entscheidungen werden daraufhin demokratisch gefällt. Die Unterlagen zur Tagung in Wien implizierten jedoch, dass sich die Entscheidungsprozesse bei CITES gleichermaßen an sozio-ökonomischen als auch wissenschaftlichen Fakten (wie Populationsstatus/ -biologie) orientieren sollten. Dass CITES sich bei Entscheidungen ausschließlich auf wissenschaftliche Fakten zur jeweils bedrohten Tier- oder Pflanzenart beruft, wurde jedoch in einer demokratischen Abstimmung festgelegt.

Ferner wies Will Travers darauf hin, dass sich CITES als (völkerrechtliches) Übereinkommen und internationale Organisation verstünde, ausschließlich mit dem Ziel, den internationalen Handel mit Wildtieren und Pflanzen insoweit zu kontrollieren, dass das Überleben der jeweiligen Art nicht gefährdet wird. Sozio-ökonomische, entwicklungspolitische und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung seien kein Teil des Artenschutzübereinkommens. Will Travers versicherte, dass die Unterzeichner des Briefes das Problem der Armutsbekämpfung dennoch sehr ernst nehmen. Die bezüglich der Konferenz geäußerten Bedenken sollten nicht als mangelndes Interesse an den Problemen der Bevölkerung gewertet werden, sondern bezögen sich vielmehr auf eine mögliche Beeinflussung des Entscheidungsfindungsprozess der CITES zugunsten weniger Arten, und die Abwertung der Rolle der Wissenschaft. Es gäbe zahlreiche internationale Organisationen, die sich mit der Armutsbekämpfung auseinandersetzen. CITES jedoch solle dem Mandat seiner Gründer treu bleiben, die den Fokus auf den Schutz wilder Tier- und Pflanzenarten vor unkontrolliertem Handel setzten.

Will Travers drängte in seinem Schreiben darauf, dass die von ihm aufgeführten Fragestellungen der Tagesordnung hinzugefügt würden inklusive der Schwierigkeiten, Risiken und möglichen negativen Auswirkungen der Maßnahmen zur Nutzung natürlicher Ressourcen. Darüber hinaus bezeichnete er die Teilnehmerliste auf einem durch öffentliche Gelder finanzierten Arbeitstreffen als extrem unausgewogen. Die Anmeldebedingungen schlossen von Beginn an einen großen Teil der Zivilgesellschaft von einer Teilnahme aus. SSN drängt daher auf eine Öffnung der Tagung auch für Teilnehmer mit anderen bzw. kritischen Meinungen, damit die Grundlage für eine ausgeglichene, sachliche und wissenschaftliche Diskussion gegeben ist. Es könne sonst der Eindruck entstehen, dass die Konferenz lediglich zu dem Zwecke organisiert wurde, eine bereits gefallene Entscheidung offiziell zu machen.

In einem Antwortschreiben des Büros von Janez Potočnik wurde die Konferenz als viel versprechende Möglichkeit bezeichnet, neue Wege zu beschreiten, die dazu beitragen sollen, das Artenschutzübereinkommen weiterhin erfolgreich zu implementieren. Die Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung in den Naturschutz und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen sei ein Schlüsselelement, damit Maßnahmen zum Handel mit gefährdeten Arten, entsprechend z.B. dem Artenschutzübereinkommen, ordentlich umgesetzt werden können. Es nütze nicht nur der einheimischen Bevölkerung selbst, sondern auch den durch die Konventionen geschützten gefährdeten Tiere und Pflanzen. Die Europäische Kommission hält das anstehende Symposium für topaktuell und hofft gleichzeitig darauf, dass es dazu beiträgt die Inhalte des Artenschutzübereinkommens auch in diejenigen Landstriche zu tragen, wo Menschen und bedrohte Arten Seite an Seite leben.

Vom Symposium verspricht sich die Europäische Kommission eher eine Stärkung der Ziele der CITES und keine Schwächung. Vor allem betrachtet die Europäische Kommission CITES als zentrale Rolle für wissenschaftlich-fundierte Entscheidungen. Man widerspricht, dass das Programm des Symposions auch nur einen einzigen Punkt enthält, bei dem diese Prinzipien angezweifelt werden können.

Man glaube, dass die Tagesordnung und das Programm der vier Arbeitsgruppen auf der Tagung eine ausgewogene Präsentation der aktuellen Herausforderungen zwischen dem Management natürlicher Ressourcen und den Zielsetzungen der CITES darstellen. Die eingeladenen Teilnehmer vertreten eine ausgeglichene Zusammensetzung aller Interessengruppen inklusive ausgewiesener Experten auf den jeweiligen Arbeitsfeldern. Man sei zuversichtlich, dass das Format der Arbeitsgruppen und die anberaumte Zeit genügend Raum zur offenen und konstruktiven Diskussion aller Tagesordnungspunkte ließe. Jeder solle die Möglichkeit bekommen, seinen Standpunkt zu erläutern. Es wird angemerkt, dass einige der Organisationen, die den Brief vom 12. April 2011 mit unterzeichnet haben, ebenfalls auf dem Symposium anwesend sein werden, und damit mit Sicherheit ihre Standpunkte vertreten werden.

Weitere Informationen:

Lebensministerium Österreich: http://www.lebensministerium.at/article/articleview/88280/?SectionIDOverride=110

Das Programm des Symposiums in Wien (englisch): www.umweltnet.at/filemanager/download/72066/

Mehr über CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, deutsch: Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen/ Washingtoner Artenschutzübereinkommen) auf www.cites.org

Vertreter der den Brief des SSN unterzeichnenden Organisationen:

Anja Hazekamp (AAP Sanctuary for Exotic Animals)

Susan Millward (Animal Welfare Institute)

Shelley Waterland (Born Free Foundation)

Adam Roberts (Born Free USA)

Ericka Ceballos (Campagns Against the Cruelty to Animals)

Mark Jones (Care for the Wild International)

Borys Kala (CEEweb for Biodiversity)

William W. Rossiter (Cetacean Society International)

Susie Watts (Co-Habitat)

Melanie Shepherd (David Shepherd Wildlife Foundation)

Alejandra Goyenechea (Defenders of Wildlife)

Lesley Sutty (Eastern Caribbean Coalition for Environmental Awareness)

Joyce Poole (Elephant Voices)

Mary Rice (Environmental Investigation Agency)

Sonja van Tichelen (Eurogroup for Animals)

Walter Karpf (Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuetiere)

Jo Swabe (Humane Society International)

Vanessa McMain (Humane Society of Canada)

Ralf Sonntag (International Fund for Animal Welfare, IFAW, Germany)

Masayuki Sakamoto (Japan Tiger and Elephant Fund, JTEF)

Tamas Papp (Milvus Group)

Zak Smith (Natural Resources Defense Council)

Sigrid Lüber (OceanCare)

Elvir Burazerovic (Organisation for Respect and Care of Animals, ORCA)

Christoph Schmidt (Pro Wildlife)

Thomas Töpfer (Rettet die Elefanten Afrikas)

Andrew Kelly (Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals)

Przemyslaw Wylegala (Salamanda)

Jupp Baron Kerckerinck zur Borg (Shark Research Institute)

Birgith Sloth (Society for the Conservation of Marine Mammals)

Helmut Dungler (Vier Pfoten)

Nicolas Entrup (Whale and Dolphin Conservation Society)

Madeleine Petrovic (Wiener Tierschutzverein)

Belinda Wright (Wildlife Protection Society of India)

W.J. de Kok (World Animal Net)

James D. Gilardi (World Parrot Trust)


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