Im Oktober dieses Jahres befand ich mich zusammen mit einigen Freunden in Ithumba, dem Norden des Tsavo-East-Nationalparks in Kenia.

 

Selbstverständlich besuchten wir so oft es möglich war die hier gelegene Auswilderungsstation für Elefantenwaisen des David-Sheldrick-Wildlife-Trusts. Bei diesen Gelegenheiten bekamen wir neben den derzeit hier lebenden Waisen stets auch mehrere der bereits ausgewilderten Ex-Waisen und ihrer wilden Freunde zu sehen.

 

 

Sowohl dieses Jahr wie auch in den Vorjahren hatten einige der ehemaligen Elefanten-Waisen selbst Nachwuchs bekommen. Als wir Mitte Oktober in Ithumba eintrafen gab es unter ihnen bereits sechs Kühe, die insgesamt sieben eigene Babys in der Wildnis geboren hatten. Und so nach und nach bekamen wir sie alle zu sehen.

 

 

Ein ganz besonderes Erlebnis hielt allerdings der 22. Oktober, ein Sonntag, für uns bereit. Wie jeden Tag fuhren wir am frühen Morgen, noch bei Dunkelheit, zu den Stockades. Als wir dort ankamen waren bereits viele Elefanten versammelt: Einige wilde Bullen und mehrere Ex-Waisen. Auch die Waisen mischten sich unter sie und es trafen laufend weitere Gruppen von Elefanten ein. Besonders freute uns, dass wir unter den Ex-Waisen alle sechs Mütter mit ihren sieben Kälbern entdeckten: Yatta mit Yetu und Yoyo, Mulika mit Mwende, Wendi mit Wiva, Galana mit Gawa, Kinna mit Kama und Nasalot mit Nusu, der erst sieben Tage alt war. Bereits dieser Umstand machte diesen Morgen zu einem ganz besonderen Erlebnis für uns.

 

Dann aber bemerkten wir eine weitere ehemalige Waise, die aus dem Busch auftauchte und auf die Stockades zu marschierte: Sunyei! Und sie kam nicht allein: An ihrer Seite, oft auch direkt unter ihrem Bauch, lief ein winziges kleines Elefantenkälbchen, dessen Haut noch feucht war – ihr erstes Baby! Wie alle anderen Ex-Waisen-Mütter vor ihr brachte auch Sunyei ihren frischgeborenen Nachwuchs zur Station um ihn ihrer Familie vorzustellen. Und zu dieser gehören sowohl ihre Elefanten-Freunde wie die Keeper! Nichts belegt besser das absolute Vertrauen, welches zwischen den ehemaligen Elefantenwaisen und den Keepern herrscht!

 

Sunyei bringt ihr Baby Siku zu den Stockades

 

Sunyei und ihr Baby erreichten die Stelle, an der die Waisen und Ex-Waisen gewöhnlich ein Frühstück aus Luzerne-Heu erhalten. Sofort kamen von allen Seiten Elefanten auf sie zu, um an dem Kleinen zu riechen und es zu beschnuppern. Auch der Chefkeeper Benjamin Kyalo begab sich unter seine Elefanten-Freunde, um nach dem Baby zu sehen und erste Fotos zu machen. Dabei stellte er fest, dass es sich um ein Mädchen handelte, welches schließlich den Namen Siku erhielt. Dieser Name ist ein Wort aus dem Suaheli und bedeutet „Tag“. Man gab Sunyei’s Tochter diesen Namen, da sie bei Anbruch des Tages geboren worden war!

 

Sunyei’s Baby wird begrüßt

 

Nach einigen Minuten wurde Sunyei die von allen Seiten ständig entgegengebrachte Aufmerksamkeit etwas zu viel und sie wanderte mit Siku sowie drei Kindermädchen auf eine kleine Anhöhe um eine „Auszeit“ zu nehmen. Doch nur wenige Minuten später kam sie zurück, um am Luzerneheu-Frühstück teilzunehmen. Siku war noch etwas schwach auf den Beinen und hin und wieder knickten ihre Knie ein. Aber dann war stets sofort ein Rüssel zur Stelle um ihr wieder hoch zu helfen! Wobei das gar nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, denn Sunyei’s Tochter ist eine Kämpferin, die sich immer wieder auch von allein hochstemmte!

 

Sunyei, Siku und ihre Freunde

 

Selten zeigt sich der soziale Charakter der Grauen Riesen deutlicher und eindrucksvoller als wenn es darum geht, eine frischgebackene Mutter und ihren Nachwuchs in den eigenen Reihen willkommen zu heißen! So umsorgt und beschützt von allen Seiten genoss Sunyei sichtlich ihr Frühstück aus Luzerne und stillte anschließend ihren Durst an der Tränke. Danach wanderte sie langsam mit Siku und deren Nannys in den Busch zurück.

 

Sunyei und Siku

 

Für uns war es sehr bewegend erleben zu dürfen wie Sunyei ihr erstes Baby, nur wenige Stunden nach dessen Geburt, den anderen Elefanten und den Keepern vorgestellt hatte.

 

 

Christian N. Haberl

REAeV-Mitglied

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