Aus jahrzehntelanger Verbundenheit und Freundschaft zwischen dem Amboseli Trust for Elephants (ATE) und Rettet die Elefanten Afrikas e.V. hat Cynthia Moss ein Elefanten-Kälbchen REA genannt und sich damit für die Unterstützung bedankt, die ohne ihre Hilfe nie möglich gewesen wäre. Lesen Sie hier die Geschichte von REA:

 

 

Die RA-Familie war schon immer eine faszinierende und doch frustrierende Herde. Bis heute bin ich nicht sicher, ob bestimmte Individuen, denen ich „R“-Namen gegeben haben, wirklich Mitglieder der RA- oder doch der XA-Familie sind. Auch bin ich nicht sicher, zu welchem erweiterten Familienverband die RAs gehören. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass die Geschichte der RAs alles andere als einfach und offensichtlich gewesen ist.

 

Ich traf die Leitkuh der RAs am 5. Oktober 1973 auf der Westseite des Parks. Ein Kollege und ich beobachteten die KA-Familie, die entspannt an unserem Fahrzeug vorbeischlenderten und sich von mir fotografieren ließen. Plötzlich tauchte eine Kuh mit nur einem linken Stoßzahn (engl. „left-tusked“) und ein fünfjähriges Kalb auf und legten Widerspruch gegen unsere Anwesenheit ein. Die Kuh begann Scheinangriffe auf unser Fahrzeug, doch hielt achtsam immer einen Busch zwischen sich und dem Auto, was uns zeigte, dass sie nicht ernsthaft aggressiv war. Nach einigen Scheinattacken lugte sie über den Busch zu uns herüber. Sie sah lustig aus, mit ihrem einen kurzen, linken Stoßzahn. Ihr Kalb war durch die Nervosität seiner Mutter verängstigt. Wir machten einige schlechte Fotos von den beiden an diesem Tag.

Remedios

Das erste Mal, dass wir Remedios gesehen haben; sie schaut hinter einem Busch hervor in unsere Richtung


Ich sah diese „left-tusked“ Kuh und ihr Kalb im Laufe des Oktobers 1973 noch zweimal: Einmal waren sie allein in der Nähe einer bekannten Herde und das andere Mal waren sie in einer großen Ansammlung von über 50 Elefanten. Im Laufe des Jahres 1974 sah ich sie nur zweimal (zu der Zeit war ich nur Teilzeitforscherin in Amboseli), erneut einmal allein in der Nähe einer kleinen Herde und einmal in einer großen Gruppe. Zum Glück war sie leicht zu erkennen, doch sie schienen zu keiner Herde zu gehören und hatten keine wiederkehrenden Wanderrouten. Von den fünf Malen, die ich sie bisher gesehen hatte, waren sie dreimal an der Westseite und zweimal an der Ostseite des Parks. Obwohl ich nicht viel über sie wusste, ordnete ich den beiden den Familienbuchstaben „R“ zu und nannte die Kuh Remedios. (Ich las zu der Zeit gerade Gabriel Garcia Marquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ und ich mochte die Namen in seinem Buch.)

 

Kurz bevor ich meine Vollzeitforschung in Amboseli begann, traf ich Remedios im August 1975 mit einem neuen, ungefähr zweimonatigen Kalb. Von da an sah ich Remedios regelmäßig. Sie pflegte Umgang mit vielen Individuen, doch schließlich schienen es endlich wiederkehrende Genossen zu sein. Ihr eigenes älteres, nun siebenjähriges Kalb und drei andere, jüngere Kühe waren üblicherweise bei ihr. Ich nannte diese Kühe Renata, Rachel und Ruth, und Remedios‘ älteres Kalb wurde später Rebecca genannt. Bei allen weiteren Sichtungen 1975 und 1976, waren Remedios und die anderen „R“-Kühe fast ausnahmslos bei der XA-Familie, die von einer großen, anmutigen und mächtig aussehenden Kuh angeführt wurden, die ich Xantippe nannte.

 

Die RAs pflegten auch gelegentlich den engeren Umgang mit den IAs, die von einer der ältesten Kühe der gesamten Population, Isabel, angeführt wurden. Ich zog in Betracht, dass diese drei Familien einen Familienverband bildeten. Ich vermutete, dass die RAs erst vor kurzem eine große Leitkuh verloren hatten, wohl gegen 1973, als ich Remedios zum ersten Mal traf. Dieser Verlust würde den Zusammenhalt der Familie in den folgenden Jahren beeinträchtigt haben. Remedios war erst ungefähr 27 Jahre alt, als ich sie damals traf. Sie war noch nicht alt genug, um die Familie nach dem Tod einer alten Leitkuh zusammenzuhalten. Ich vermutete auch, dass die alte RA-Leitkuh enge Bindungen zu den alten Leitkühen der XA und IA-Familien hatte. 1973 war Xanthippe ungefähr 47 Jahre alt, Isabel ungefähr 53 Jahre.

 

Die 1970er Jahre waren bis Ende 1977 eine Zeit, in der es in Amboseli viel Wilderei gab. Wenn die Elefanten den Park verließen um die Regenzeitwanderungen zu unternehmen, wurden die Bullen und die größeren, älteren Kühe wegen ihres Elfenbeins getötet. 1976 waren die Verluste sehr hoch, nicht nur wegen der massiven Wilderei, sondern es war zusätzlich noch ein Dürrejahr. Über 60 Amboseli-Elefanten starben in diesem Jahr. Den RAs erging es aber nicht besonders schlecht. Remedios selbst war kein Ziel für die Wilderer, da sie nur einen kleinen Stoßzahn hatte und die anderen Kühe in ihrer Gruppe waren noch jung und hatten ebenfalls noch sehr dünne Stoßzähne. Alle diese jungen Kühe überlebten, doch Remedios‘ 1975 geborenes Kalb fiel der Dürre 1976 zum Opfer. Ende 1976 hatte ich gedacht, ich wüsste einigermaßen gut, wer zur RA-Familie gehörte und mit wem sie Familienverbände und Clan-Einheiten bildeten. Die Familie sah folgendermaßen aus:

 

Remedios — ca. 30 Jahre alt

Rebecca — ihre 8-jährige Tochter

Renata — ca. 13 Jahre
Rachel — ca. 21 Jahre
Ruth — ca. 16 Jahre
R’s Keyhole — ein junger, ungefähr 7-jähriger Bulle

 

R’s Keyhole (deutsch: „Schlüsselloch der Rs“) hatte diesen eigenartigen Namen bekommen, weil er einen schlüssellochgeformten Riss in seinem rechten Ohr hatte. Es gab bereits ein Kalb namens Keyhole in der EA-Familie, sodass dieser neue nun den Namen R’s Keyhole bekam.

 

Meine Zuversicht, die Struktur der RA-Familie verstanden zu haben, hielt nicht lange an. Mehrere Ereignisse verschwörten sich gegen die nette Mitgliederliste, die ich angelegt hatte. Zuerst verschwand Xanthippe im Oktober 1976 – vermutlich fiel sie Wilderern zum Opfer – und hinterließ eine ungezählte und unfotografierte Gruppe junger Kühe in ihrer Familie zurück, dann starben Isabel und Irene aus der IA-Familie 1977 und hinterließen eine kleine Herde ohne erwachsene Elefanten. Als drittes verschwand dann auch noch die nächstältere Kuh in der XA-Familie, Xaviera im September 1977. Durch diese Ereignisse blieb plötzlich eine große Zahl verstörter, verwirrter und führerloser junger Elefanten zurück. Beide Familien zerfielen und verschiedene Individuen tauchten von Zeit zu Zeit bei den RAs auf. Da viele der Unter-10-Jährigen noch nicht fotografiert worden waren, wusste ich dann nicht, ob sie zur IA oder zur XA gehörten oder doch RA-Kälber waren, die ich noch nicht gesehen hatte.

 

Schließlich gelang es mir, die Individuen aller drei Familien zu erkennen und ich gab ihnen Namen, doch ich war nie wirklich sicher und nicht glücklich mit meinen Bezeichnungen. (Glücklicherweise hatte ich ähnliche Probleme nur mit drei weiteren Familien. Amboseli hat 62 Familien und ich würde mir die Haare ausreißen, wenn sie alle so chaotisch wie der RA/XA/IA-Familienverband gewesen wären.) Drei junge Kühe bekamen R-Namen: Raphaela, Riva und Risa. Andere bekamen X- und I-Namen, je nachdem bei wem sie sich mehr aufhielten.

Risa

Risas ID-Foto; durch den großen Riss in ihrem Ohr war sie gut zu erkennen

Rebecca

Rebeccas ID-Foto

 

Die RAs und die XAs blieben eng verbunden, doch die IA-Familie, nun angeführt von Iris, freundete sich nicht weiter mit ihnen an, nachdem Isabel gestorben war. Sie vereinten sich später mit einer unbekannten jungen Kuh, die ich bis heute nur als „Three Holes Right“ („Drei Löcher rechts“) kenne. Ich habe keine Ahnung aus welcher Familie sie kam.
Ich hatte gedacht, die RAs gehörten zu einem erweiterten Clan, der an der Westseite des Parks lebte, doch nach und nach schienen sie mehr Zeit in den zentralen Ol-Tukai-Wäldern und dem östlichen Longinye-Sumpf zu verbringen. Die IAs blieben weiterhin im Westen, während die XAs sich den RAs im Osten anschlossen. Ich denke, dass sie tatsächlich ihr Heimatgebiet 1977 änderten, was sehr ungewöhnlich ist. Bis 1978 hatte ich alle Familien in der Population identifiziert und konnte alle erwachsenen und die meisten jugendlichen Kühe erkennen. Es gab sehr wenige junge Kälber, doch nach der Zeit mit nur wenig Nachwuchs erlebte Amboseli 1979 und 1980 einen Elefanten-Baby-Boom. Die RAs waren dabei keine Ausnahme. Remedios gebar im Juni 1979 ein Bullkalb, Ruth hatte im Februar 1980 ebenfalls einen Sohn und – zu meiner großen Überraschung – gebar Remedios‘ zwölfjährige Tochter Rebecca ihrerseits im April 1980 einen Sohn. Rebecca war die bis dahin jüngste Mutter in meiner Datenbank. Sowohl Remedios‘ als auch Rebeccas Kalb wurden Teil einer speziellen Studie über die Entwicklung und das Verhalten von Kälbern, die ich durchführte.

 

Leider gab es 1979 auch einen Verlust. Rachel hatte sich unter unbekannten Umständen ein Bein gebrochen und obwohl sie noch eine Weile überlebte, konnte sie mit der Zeit überhaupt nicht mehr laufen und starb einen langsamen und schmerzhaften Tod. Wir haben mehrfach gebrochene Beine bei Kälbern beobachtet, doch Rachel war unsere einzige Beobachtung bei einem erwachsenen Elefanten. Eine Obduktion zeigte uns, dass sie sich den Oberschenkelknochen komplett gebrochen hatte. Sie zeigte außerdem, dass sie kurz davor stand, ein neues Baby zur Welt zu bringen.

 

Inzwischen erreichten die jüngeren Kühe der RA-Familie die Pubertät, wurden fortpflanzungsfähig, paarten sich und wurden schwanger. Renata paarte sich 1979 und gebar im April 1981 ein Bullkalb. Ich fotografierte Raphaela in ihrer fruchtbaren Zeit am 7. und 8. April 1980. Sie war damals erst elf Jahre alt. Sie gebar später im April 1982 ein Mädchen.

 

Im Laufe der Jahre 1979 bis 1983 ging es den RAs und den anderen Elefanten in Amboseli gut. Es war eine Zeit mit vielen Regenfällen und üppiger Vegetation. Viele weitere Kälber wurden geboren, doch es gab auch einige wenige Todesfälle. Rebecca verlor ihr 1980er Kalb als es ein Jahr alt war. R’s Keyhole wurde 1980 unabhängig und verließ die Herde. Raphaela verlor ihr 1982er Kalb als es sieben Monate alt war und Ruth ihr zweimonatiges Kalb aus dem Jahr 1983. Es ist nicht unüblich, dass eine Elefantenkuh ihr erstes Kalb verliert, wie es hier bei allen der Fall war. Remedios und Rebecca bekamen beide 1983 ein weiteres Kalb und Ende 1983 war die Familie trotz der Verluste von der kleinen Sechsergruppe 1976 auf zwölf Mitglieder angewachsen. Die Familienstruktur und -zusammensetzung sah wie folgt aus:

 

Individuum Geschlecht (Geschätzter)
Geburtszeitpunkt
Remedios
F
1946
   REM83
M
Juni 1983
   Raoul
M
Juni 1979
   Rebecca
F
1968
      REB83
M
März 1983
Ruth
F
1960
   Rex
M
Februar 1980
Renata
F
1963
   REN81
M
April 1981
Raphaela
F
1969
Riva
F
1969
Risa
F
1970

 

1984 gab es eine schwere Dürre in Amboseli und viele Elefanten verhungerten oder wurden von den Maasai getötet, mit deren Vieh die Elefanten um die begrenzten Ressourcen in Wettbewerb standen. Den RAs ging es nicht so schlecht wie manch anderer Familie. Traurigerweise starben sowohl Ruth als auch Riva im Juli 1984 und sowohl Remedios‘ 1983er Kalb als auch Ruths 1980er Kalb Rex im September 1984 zum Höhepunkt der Dürre. Obwohl Rex mit vier Jahren nicht mehr auf die Milch seiner Mutter angewiesen war, starb er nur zwei Monate nach seiner Mutter. Glücklicherweise gab es 1985 ausreichende Regenfälle und die Bedingungen verbesserten sich sowohl für die wilden Tiere als auch für die Maasai. Drei der RA-Kühe gebaren in diesem Jahr Nachkommen. Die erste war Renata, die im Januar einen Jungen bekam. Im Februar bekam Raphaela ebenfalls einen Jungen und im April bekam Risa ihr erstes Kind: ebenfalls ein Junge. Die RA-Familie schien mehr Jungen als Mädchen zu bekommen. Das tatsächliche Geschlechterverhältnis in Amboseli ist 1:1 doch von Beginn der Studie bis 1994 gebaren die RAs 14 Jungs und nur fünf Mädchen.

 

Während der nächsten Jahre gab es nur wenig Veränderung in der Familie. Für Amboseli-Verhältnisse gab es relativ viel Regen, es gab keine Wilderei und nur wenige vereinzelte Tötungen durch die Maasai. Remedios bekam im Februar 1989 ein Kalb – ein Junge natürlich. Auch Rebecca und Raphaela bekamen 1990 zwei Bullkälber, doch Raphaelas starb schon nach wenigen Wochen.
1991 wurden bei den RAs endlich zwei Mädchen geboren: Risa gebar im April eine Tochter und Renata im September. Zu dieser Zeit gab es nur ein weiteres Kuhkalb in der Herde, nämlich Rusinga, Rebeccas 1987er Kalb. Sie hatte alle Hände voll zu tun mit den Babys. Junge Elefantenkühe verbringen viel Zeit damit, sich um die jüngeren Kälber zu kümmern. Üblicherweise gibt es mehrere dieser Kindermädchen, die sich die Arbeit teilen, doch Rusinga musste das allein meistern. Als schließlich die 1991er-Mädchen älter wurden, konnten sie auch aushelfen.

 

Risas Tochter wurde Ramulosa genannt und Renatas bekam den Namen Ruellia. Beides sind die Namen von Pflanzen, die in Amboseli wachsen. Uns gingen langsam die normalen Vornamen aus und so entschieden wir, die Namen der Kälber der jeweiligen Jahre nach bestimmten Themen zu vergeben. 1977 bekamen die Kälber Namen von Orten in Ostafrika, 1991 von Pflanzen und 1992 von afrikanischen Flüssen. In anderen Jahren nutzten wir indische oder biblische Namen. Es war jedes Mal eine Herausforderung.

 

Zwischen 1991 und 1998 bekamen die RAs vier Mädchen und zwei Jungs und gleichten damit die Ungleichheit zugunsten der Jungs aus den Vorjahren etwas aus. 1992 und 1997 bekam Raphaela Töchter; 1994 bekamen sowohl Remedios als auch Rebecca Töchter; 1995 bekam Risa und 1996 auch Renata einen Sohn. Inzwischen sind zwei der jungen Bullen der Familie, Raoul und Ramon, unabhängig geworden.

Ramon

Aus Ramon (REN81) ist später ein sehr ansehnlicher Bulle geworden; hier ist er in Musth im September 2011

 

Junge Bullen verlassen ihre Familien durchschnittlich mit 14 Jahren. Für manche geht der Übergang allmächlich. Sie beginnen damit, nur noch am Rand der Familie mitzulaufen. Dann gehen sie für einen oder zwei Tage weg, kehren aber doch noch häufiger zur Sicherheit und dem Schutz der Familie zurück. Mit der Zeit scheint aber der Drang, mit den anderen Bullen „draußen“ zu sein zu gewinnen und sie verlassen die Familie ganz. Andere wiederum verlassen die Familie von heute auf morgen. Wir kennen auch ein paar „Muttersöhnchen“, die bei ihrer Mutter blieben, bis sie 18 oder 19 Jahre alt waren.

 

Mit dem Abgang der beiden jungen Bullen zählten die RAs nun am Ende des Jahres 1997 19 Elefanten:

 

Individuum Geschlecht (Geschätzter)
Geburtszeitpunkt
Remedios
F
1946
   REM94
F
April 1994
   Roy
M
Februar 1989
   Rebecca
F
1968
      REB94
F
April 1994
      Rusinga
F
Mai 1987
      Rosario
M
März 1983
Renata
F
1963
   REN96
M
April 1996
   Ruellia
F
September 1991
   Ramsay
M
Januar 1985
Raphaela
F
1969
   RAP97
F
Februar 1997
   Russo
F
Juni 1992
   Russell
M
Februar 1985
Risa
F
1970
   RIS95
M
Februar 1995
   Ramulosa
F
April 1991
   Regan
M
Mai 1985

 

Die RAs waren auf jeden Fall eine erfolgreiche Familie. 1998 hab ges in Amboseli, wie im Rest von Kenia dank El Niño sehr viele Regenfälle. Es gab mehr als genug Futter und die Elefanten wurden regelrecht fett von der üppigen Vegetation. Die Elefanten formten große Ansammlungen von 200 bis 300 Individuen und es wurde viel gespielt. Sogar die großen, erwachsenen Kühe gaben ihre Erhabenheit auf und rannten mit weit aufgerissenen Augen umher und griffen eingebildete Feinde im hohen Gras an. Es wäre wunderbar, wenn es immer so sein könnte, doch in der afrikanischen Savanne ist nichts vorhersehbar. Gegen Ende 1999 sahen wir dann die Folgen von El Niño. Es schien Elefantenbabys vom Himmel zu regnen. Bis Oktober gab es 63 Geburten, was in etwa den Erwartungen entsprach, doch im November und Dezember gab es plötzlich eine Flut von neuen Kälbern. Diese wurden 22 Monate zuvor, im Januar 1998 während der El Niño Regenfälle gezeugt, als die Elefanten in der besten Verfassung für Nachkommen waren. In den letzten zwei Monaten des Jahres 1999 wurden alleine 48 weitere Kälber geboren, was uns einen neuen Rekord von 111 Geburten in einem Jahr bescherte. Die RAs schlossen sich auch dem El Niño-Boom an. Risa war die Erste und gebar im November 1999 ein Mädchen. Fünf weitere Kälber folgten: Rusinga, Rebeccas zwölfjährige Tochter gebar im Dezember ihr erstes Kalb, einen Jungen. Remedios war damit nun Urgroßmutter. Dann wurde das erste Kalb des neuen Jahrtausends geboren. Es war eine Tochter von Remedios, die früh am Morgen des 1. Januar 2000 zur Welt kam. Renata bekam im März ein Mädchen; Rebecca gebar im September einen Sohn und Raphaela im Oktober eine Tochter. In der Zwischenzeit verließen vier junge Bullen die Familie um ihre eigenen Weg zu gehen: Ramsay, Russell, Regan und Rosario. Es war ein hartes Jahr um die Familie zu verlassen, denn Amboseli erlebte eine weitere Dürre. In diesen Zeiten haben es die Elefanten und die Maasai auf die gleichen, wenigen Ressourcen abgesehen, die Nerven liegen blank und Konflikte sind vorprogrammiert. 15 Elefanten wurden mit Speeren verletzt und neun von ihnen starben, noch bevor die Dürre im Dezember zu Ende war. Doch die RAs mieden unter der weisen Führung von Remedios die Maasai und kamen unbeschadet durch die Dürre. Alle Kälber überlebten.

 

Das Leben war für die RAs in den folgenden Jahren recht gut. 2001 und 2002 gab es keine neuen Geburten, doch in den drei darauffolgenden Jahren gab es drei Kälber pro Jahr. Doch 2005 gab es einige unerklärliche Verluste: Raphaela, ihre Tochter Russo und ihre beiden jüngsten Kälber verschwanden. Wir vermuten, dass die beiden Kühe getötet wurden, doch wir wissen es nicht genau. Wir haben ihre Leichen nie gefunden. Im folgenden Jahr 2006 verlor Remedios ihr einjähriges Kalb, was wir uns auch nicht erklären konnten. 2007 wurden fünf Kälber geboren, von denen nur eines starb. Weitere drei wurden 2008 geboren. Eines dieser Kälber war Remedios‘, doch dieses starb innerhalb eines Monats. Möglicherweise hatte sie mit 62 Jahren doch das Ende ihres fortpflanzungsfähigen Alters erreicht.
Ende 2008 war die RA-Familie 27 Mitglieder groß und gedieh:

 

Individuum Geschlecht (Geschätzter)
Geburtszeitpunkt
Remedios
F
1946
   Random
F
Januar 2000
   Rehab
F
April 1994
   Rebecca
F
1968
      REB08
M
März 2008
      Roberto
M
April 2004
      Ridder
M
September 2000
      Rena
F
April 1994
         RNA05
F
Mai 2005
      Rusinga
F
Mai 1987
         Reed
M
Februar 2004
         Rush
M
Dezember 1999
Renata
F
1963
   Roxy
F
März 2003
   Riley
M
März 2000
   Ruellia
F
September 1991
      Rosie
F
Februar 2007
Risa
F
1970
   RIS07
F
März 2007
   Rona
F
März 2003
   RuthII
F
November 1999
   Randy
M
Februar 1995
   Ramulosa
F
April 1991
      RML08
F
Juni 2008
      Robert DeNiro
M
August 2003
Reboot
(Mutter: Raphaela)
F
Dezember 2000
Rawlings
(Mutter: Raphaela)
F
Februar 1997

 

Doch leider hielt die gute Zeit nicht lange an. 2009 gab es in Amboseli die schlimmste Dürre seit Menschengedenken. Bis Ende des Jahres starben 83% der Gnus, 71% der Zebras und 61% der Büffel Amboselis. Das große Problem war, dass es beinahe keine essbare Vegetation mehr gab. Amboseli hat dank der unterirdischen Flüsse aus dem Kilimanjaro immer frisches Wasser. Diese Flüsse bilden Sümpfe im Park, sodass die Tiere nicht verdursteten, sondern verhungern mussten. Hinzu kommt im Fall der Elefanten noch, dass sie derart geschwächt auch anfälliger für Krankheiten sind.
Die Kälber starben zuerst. Es gab nichts weiches, das sie hätten fressen können und ihre Mütter konnten nicht genug Milch für sie bilden, insbesondere wenn die Kälber älter und gieriger werden. 2008 wurden 151 Kälber geboren – ein neuer Rekord – doch im nächsten Jahr waren die Kälber in einem Alter, in dem sie eigentlich bereits zusätzlich zur Milch Grünfutter zu sich nehmen. Aber in diesem Jahr gab es einfach nichts, was sie hätten essen können. Als Folge davon starben 97 von ihnen 2009. Die 2009er-Kälber litten auch, aber ihnen ging es etwas besser, da sie nicht viel Vegetation brauchten. Von den 85 während der Dürre geborenen Kälbern starben 38. Der RA-Familie ging es währenddessen noch besser als den meisten. Sie verloren nur sechs Kälber während der Dürre. Doch die RAs erlitten den größten aller Verluste: Ihre Leitkuh Remedios starb, so wie alle bis auf zwei Kühe der gesamten Population, die über 50 Jahre alt waren. Über die Hälfte aller Leitkühe starben und das störte den Familienzusammenhalt enorm. Außerdem gab es in dieser Zeit vermehrte Probleme mit Wilderei in Amboseli und wir wissen nicht genau, welche Kühe der Dürre und welche den Wilderern zum Opfer fielen. Auf jeden Fall haben die RAs ihre Leitkuh in der schwierigsten aller Zeiten verloren. Zum Glück waren Renata, Rebecca und Risa inzwischen große, erfahrene Kühe und konnten die Familie zusammenhalten.

Remedios

Remedios, Rebecca und ihre Kälber im November 2008; das war das letzte Foto, das wir von der alten weisen RA-Leitkuh gemacht haben

 

Im Dezember war die Dürre endlich vorbei und 2010 gab es ordentlichen Regen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie schnell sich die afrikanische Savanne erholen kann. Innerhalb weniger Monate verwandelten sich die Wälder und Ebenen von vertrockneter Erde in eine üppige grüne Wiese. Das verblüfft mich jedes Mal. Unter dem staubigen Boden warten die Samen und Wurzeln nur darauf, dass es wieder feucht wird und die sprießen können.
Langsam erholten sich auch die Elefanten. Sie legten an Gewicht zu und ihre Schritte wurden wieder leichter. Das ATE-Team hatte alle Hände voll zu tun damit, herauszufinden, wer gestorben war und wer überlebt hatte und wer all die Waisen waren.

 

Es dauerte fast ein Jahr, diese Fragen zu beantworten. Die Wilderei war wieder unter Kontrolle und wir waren zuversichtlich. Sie bildeten große Verbände um das üppige frische Gras zu genießen und viele Kühe wurden wieder fruchtbar. Erstaunlicherweise gebar Renata im Dezember 2009 eine Tochter. Das heißt, dass sie während der gesamten Dürre schwanger gewesen ist. In den nächsten zwei Jahren gebaren die RAs aber keine weiteren Kälber, denn die Kühe waren während der Dürre in zu schlechter Verfassung für Fortpflanzung. Doch sobald sie wieder genug Futter hatten, gaben sie sich alle Mühe, die verlorene Zeit aufzuholen. 22 Monate nach dem Ende der Dürre begann erneut ein Rekord-Baby-Boom in Amboseli. Wenn wir 1999 dachten, es würde Elefanten vom Himmel regnen, dann war das nun ein Platzregen. Es bagann Ende 2011 mit 46 Geburten und 2012 hatten wir 197 Geburten, also insgesamt 243 Geburten in 15 Monaten.
Die Kühe der RA-Familie waren mit die Ersten, die Kälber hatten. Rebeccas Tochter Rena und Risas Tochter Ramulosa gebaren im Dezember 2011 Bullkälber. Rusinga, Ruellia, Risa, Rebecca und Rehab folgten ihnen im Laufe des Jahres 2012. Risa gebar im Januar 2012 ein Mädchen, das wir Rea genannt haben. Sie und die anderen Kälber hatten das große Glück in einem Jahr mit guten Regenfällen geboren zu werden und es ist nicht überraschend, dass sie alle sehr gut gedeihen. Sie haben zwar nicht viele ältere Schwestern und Tanten, die auf sie aufpassen können, doch Rona, Retsina und Rafiki machen Überstunden als Kindermädchen.

 

Renata

Die wunderschöne Renata ist 2009 die neue Leitkuh geworden; sie war während der gesamten Dürreperiode schwanger und hat nun eine gesunde Tochter Rafiki

 

Renata ist die älteste und ist nun die Leitkuh mit Unterstützung von Rebecca. Risa neigt dazu mit ihrem und Raphaelas Nachwuchs getrennte Wege zu gehen, doch sie verbringen trotzdem noch viel Zeit mit Renata und den anderen. Wir vermuten, dass sie mit der Zeit zwei einzelne Familien bilden werden. Die Verbindung der RAs zu den XAs scheint geschwächt zu sein, doch wir haben Risa mit den Überresten der XAs nach der Dürre gesehen. Eine junge Kuh namens Xahre führt sie nun an.
Inzwischen sind immer mehr RA-Bullen draußen in der Welt der Bullen. Die RAs haben viele erfolgreiche Bullen hervorgebracht. Traurigerweise ist einer der größten von ihnen, R’s Keyhole verschwunden und wir fürchten er ist tot. In der Kategorie der großen Bullen stellen die RAs aber noch immer acht Exemplare und einige der älteren waren regelmäßig in Musth und begatteten Kühe. Die zwei aktivsten sind Ramon und Rosario und so wissen wir, dass die RA-Gene sowohl in der männlichen als auch in der weiblichen Linie fortleben.

 

Risa und Rea

Risa mit der neugeborenen Rea und ihren älteren Töchtern Retsina und Rona

 

Jetzt, 2014, wo ich diesen geschichtlichen Überblick vervollständige, ist Rea zwei Jahre alt. Sie war immer eines der schönsten Kälber mit riesigen Segelohren. Ihre Mutter Risa ist 44 Jahre alt und eine sehr erfahrene Mutter, sodass Rea die bestmögliche Fürsorge erhält. Nach Elefantenstandards ist Risa noch immer gebärfähig und sie wird vermutlich in den nächsten Monaten erneut empfangen und 2016 wird Rea ein Geschwisterchen bekommen. Rea wird dann das Kindermädchen sein und lernen, wie man sich richtig um kleine Kälber kümmert.

 

Rea ist ein Glückskind. Amboseli ist noch immer ein relativ sicherer Platz, an dem nur sehr wenig gewildert wird und die Konflikte mit den lokalen Maasai sich in Grenzen halten. In Amboseli ist noch immer Platz für Elefanten. Es gibt nicht mehr viele solche Orte in Afrika und wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Amboseli so zu belassen, denn wir möchten, dass Rea, die RAs und alle anderen Amboseli-Elefanten ihre großartigen und komplexen Leben in Frieden leben können!

 

Cynthia Moss
Amboseli Nationalpark
Februar 2014

 

 

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