ATE News: Oktober und November 2019

News vom Amboseli-Trust-for-Elephants – die Monate Oktober und November 2019:

 

Im Oktober und November begann die sogenannte „Kleine Regenzeit“ in Amboseli. Während im Oktober insgesamt 63 mm Niederschlag fielen waren es im November 127 mm – eine ordentliche Menge, wenn man bedenkt, dass der Jahresdurchschnitt 340 mm beträgt.

Die Regenfälle bewirkten eine enorme Veränderung der Landschaft – vor allem im November. Staubige, gelb-braune Halbwüsten verwandelten sich in saftig-grüne Weideflächen – ein Paradies für alle Pflanzenfresser.

Auch die Sichtverhältnisse besserten sich enorm! Plötzlich konnte man an den Hängen des Kilimanjaro Details erkennen, die vorher wegen des ständig in der Luft liegenden Staub-Dunstes nicht sichtbar gewesen waren.

Die Mitarbeiter/innen des Amboseli Trust for Elephants (ATE) sind an diese dramatischen Veränderungen gewöhnt und trotzdem jedes Mal aufs Neue davon begeistert.  Sie kennen die Schönheit jeder Jahreszeit und nach langen Jahren der Feldarbeit in Amboseli wissen sie auch genau, wie man die unterschiedlichen Bedingungen bestmöglich nutzen kann, um die festgesetzten Forschungsziele möglichst effektiv zu erreichen.

 

Elefantenkuh mit Kuhreiher
Ein typischer Anblick in Amboseli: Eine Elefantenkuh in Begleitung eines Kuhreihers.

 

Manche Teile des Parks sind leichter zugänglich als andere und werden zu bestimmten Jahreszeiten in stärkerem Ausmaß von den Elefanten genutzt. Dieses spezielle Wissen ist sehr nützlich, wenn man die Elefantenpopulationen mit Blick auf einzelne Individuen überwacht, wie dies bei ATE der Fall ist.

 

Da die Wege in Amboseli im Verlauf der Regenzeit immer schwerer zu passieren waren und teilweise sogar gesperrt wurden konzentrierten sich die Beobachtungen besonders auf jene Elefantenfamilien, die in der unmittelbaren Umgebung des Forschungscamps anzutreffen waren. Hierzu gehörten unter anderem die AA’s, die EA’s, die EB’s und die GB’s.

 

Eine Sache wurde sehr schnell klar: Das nun wieder üppig vorhandene Nahrungsangebot verbesserte nicht nur die körperliche Verfassung der Elefanten enorm sondern bewirkte auch eine deutliche Veränderung in ihrem Sozialverhalten. Vorbei waren die Zeiten zunehmender Konkurrenz, die man während der Trockenzeit zwischen einigen Familien beobachtet hatte. Nun bewegten sich wieder alle Gruppen gelassen durch ihre Weidegründe und hatten kein Problem damit dort auch andere Familien anzutreffen. Im Gegenteil: Unter so günstigen Bedingungen schlossen sich oft befreundete, manchmal sogar fremde, Familien in größere Gruppen zusammen, die es genossen zusammen umherzuziehen.

 

Elefantenherde in Amboseli
Bei gutem Nahrungsangebot schließen sich oft mehrere Elefantenfamilien zusammen.

 

Die AA’s hatten sich während der Trockenzeit gegenüber den EB’s durchgesetzt und nutzten von nun an mit ihnen gemeinsam deren alte Weidegründe in dem Palmenwald, in dem das ATE-Camp liegt. Beide Familien scheinen die neue Situation zu akzeptieren und es gab keinerlei Anzeichen mehr von Droh- oder Dominanzverhalten. Auch wenn diese beiden Familien bisher nicht so eng befreundet waren kommen sie inzwischen miteinander aus. Und wer weiß – vielleicht entwickelt sich ja im Laufe der Zeit doch noch eine richtige Freundschaft?

 

Astrid erwies sich als großartige Matriarchin, die ihre Familie sicher durch die harte Zeit gebracht hatte. Und das ATE-Team freute sich sehr festzustellen, dass es auch ihrem 2017 geborenen männlichen Kalb gut ging. Bisher war Astrids 1997 geborene Tochter Annan ihr einziges überlebendes Kalb gewesen. Und leider hatte Annan bislang ebenfalls kein Glück mit ihren Kälbern. Sie brachte zwar bereits vier zu Welt, doch keines davon überlebte.

 

Elefantenkühe können sich länger fortpflanzen als fast alle anderen Landsäugetiere und während eines Zeitraums von 40 oder sogar 50 Jahren Nachwuchs bekommen. Während dieser Zeit müssen sie zwischen vielen alternativen Verhaltensweisen entscheiden, die maßgeblichen Einfluss auf ihren Fortpflanzungserfolg haben können.

 

Ein Kalb bettelt bei seiner Mutter darum gesäugt zu werden.
Ein Kalb bettelt bei seiner Mutter darum gesäugt zu werden.

 

Annans bisheriger mangelnder Erfolg ist allerdings untypisch für Elefantenkühe in Amboseli.

 

Für eine erfolgreiche Kälberaufzucht scheinen vor allem drei Hauptfaktoren entscheidend zu sein.

 

Zum einen die körperliche Verfassung: Von ihr hängt es ab ob eine Elefantenkuh überhaupt in der Lage ist in den Östrus zu kommen, zu gebären und dann ihr Kalb ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Die körperliche Verfassung selbst ist wiederum sowohl das Ergebnis ihrer individuellen Veranlagung, der Umweltbedingungen (der verfügbaren Ressourcen und des für die Nahrungssuche verbundenen Aufwands), ihrer bisherigen körperlichen Entwicklung und Fortpflanzungsgeschichte.

 

Zweitens die Frage ob das zuletzt geborene Kalb überlebt hat, da der Verlust eines Babys dazu führt, dass eine Kuh schneller wieder in den Östrus kommt.

 

Und schließlich beeinflussen das Alter und die Erfahrung einer Kuh wesentlich ihre Fähigkeit, Nachkommen zu zeugen und aufzuziehen.

 

Darüber hinaus gibt es aber noch eine Vielzahl weiterer Faktoren, die den Fortpflanzungserfolg einer Elefantenkuh beeinflussen können, wie z. B. das Geschlecht und die Geburtsreihenfolge der Kälber (männliche Kälber wachsen schneller und benötigen daher wesentlich mehr Energie). Auch die Anzahl der Helfer in einer Familie ist für das Überleben eines Kalbes von entscheidender Bedeutung.

In einer Familie helfen sich Kühe jeden Alters gegenseitig dabei ihre Kälber zu schützen, zu beaufsichtigen und zu erziehen.  Speziell Großmütter können das Überleben der Kälber verbessern, indem sie ihre Töchter bei der Beaufsichtigung ihrer Enkel unterstützen während sie gleichzeitig selbst weiter eigenen Nachwuchs bekommen. Es wurden sogar schon Fälle beobachtet, in denen sich Großmütter das Säugen der Kälber mit ihrer Tochter teilten. Außerdem sind sie, ebenso wie die Matriarchin und alle älteren Kühe, durch ihre umfassenden Erfahrungen und Kenntnisse von unschätzbarem Wert als Ratgeber für die jüngeren Kühe.

 

Elefantenkuh und Kalb am Rand eines Sumpfes.
Elefantenkuh und Kalb am Rand eines Sumpfes, den sie zuvor durchquert haben.

 

Astrids eigener mangelnder Erfolg bei der Kälberaufzucht könnte somit ebenso zu den Misserfolgen Annans  beigetragen haben wie schlichtweg schlechtes Timing, wenn Kälber während Dürrejahren geboren wurden.

Nun aber hoffen alle, dass auch Annan eines Tages Erfolg haben wird und freuen sich auf ihre nächste Geburt. Denn aufgrund der außergewöhnlich niederschlagsreichen letzten beiden Jahre befinden sich die Elefanten in Amboseli in Topform und Annan sollte jetzt die besten Chancen haben ihr nächstes Baby aufzuziehen.

 

Dasselbe hofft man auch für Giza von den GB’s. Denn man machte die freudige Entdeckung, dass diese 15 jährige Kuh nun ihr erstes Baby bekommen hatte. Mit ihrer erfahrenen Mutter Garissa an ihrer Seite hat Giza allerdings ohnehin sehr gute Chancen ihr Kalb erfolgreich großzuziehen.

 

Auch die EB’s gehörten nun wieder zu den regelmäßigen Besuchern in der Umgebung des ATE-Camps. Das Team freute sich sehr sie direkt vor den Zelten zu sehen. Sie waren sehr entspannt und ihre wohlgenährten Kälber spielten mit zunehmendem Nahrungsangebot auch wieder mehr, worüber sich alle sehr freuten.

Diese Familie hat viele gleichaltrige Kälber, die sich als Spielkameraden bestens eignen . Ewok, Ektor und Emberre sind Jungs, die sich begeistert ausgelassenen Spielen hingeben.

 

Elefantenfamilie mit kleinen Kälbern
Elefantenfamilie mit kleinen Kälbern

 

Eudora erhielt Besuch von zwei jungen Bullen: Emoroo aus der EA-Familie und Garango von den GB’s.  Garango war erst vor kurzem von seiner Familie unabhängig geworden und verbrachte einen Großteil seiner Zeit mit anderen Bullen oder Familiengruppen, die Verbindungen zu seiner Familie hatten. Die GB’s nutzen die gleichen Gebiete wie die EB’s, so dass Garango mit den EB’s aufgewachsen ist und oft mit den gleichaltrigen Kälbern dieser Familie spielte. Er wird allmählich, je älter er wird, mehr Zeit mit anderen unabhängigen Bullen verbringen.

Emorro ist mit 31 Jahren bereits ein ziemlich erfahrener Bulle, wenn er auch erst am Beginn seiner besten reproduktiven Jahre steht. Er interessierte sich etwas für Eudora, und sie antwortete auf sein Interesse mit einem Rüsselwinken in seine Richtung. Sie begann auch zu urinieren, damit er ihren aktuellen Zustand testen konnte. Doch befand sie sich derzeit nicht im Östrus, so dass Emorro bald wieder weiterzog.

Nach den Aufzeichnungen des ATE-Teams müsste es bei Eudora allerdings bald soweit sein. Und dann wird sie sicher erneut Bullenbesuche erhalten.

 

Elton von der EA-Familie
Elton von der EA-Familie in Musth

 

So waren also Oktober und November für die Elefanten in Amboseli eine sehr angenehme Zeit, während der sie sich regenerieren und ihre sozialen Bindungen erneuern und erweitern konnten. Und die Chancen standen gut, dass sich diese positive Entwicklung im Dezember fortsetzen würde.