Im Juni war beim Sheldrick Wildlife Trust (SWT) einiges los: es gab gleich drei Umzüge von Elefantenwaisen zu den Auswilderungsstationen, bei denen insgesamt acht Bewohner des Waisenhauses nach Tsavo gebracht wurden. Dort werden sie jetzt auf wilde Elefantenherden treffen und von diesen alles lernen, was man über das Dasein als Elefant wissen muss, um einmal selbst wieder in der Wildnis leben zu können.

Ambo und Jotto sind zwei ganz besondere Elefanten, die von klein auf im Waisenhaus in Nairobi aufgezogen wurden und einige Jahre dort zuhause waren. Die Mitarbeiter im Waisenhaus werden sie schon vermissen, aber gleichzeitig ist es doch eine Erfüllung für sie, wenn ihre Schützlinge es soweit gebracht haben. Sie sagen ihnen nun Lebewohl und überlassen sie den erfahrenen Keepern in Ithumba. Die Keeper dort kennen sich sehr gut mit älteren Elefanten aus, wissen um ihre Bedürfnisse und Eigenheiten und kennen die ehemaligen Waisen, die in der Gegend um die Auswilderungsstation leben, sowie die wilden Herden, die häufig dort zu Besuch sind.

 

 

Es ist manchmal nicht ganz leicht zu entscheiden, in welche der drei Auswilderungsstationen – Voi, Ithumba oder Umani Springs – die Waisen umziehen sollen. Es hängt von vielen Dingen ab, zum Beispiel, welche Freundschaften sie im Waisenhaus in Nairobi geschlossen haben; es ist aber auch wichtig, darauf zu achten, dass es in keiner der Stationen zu voll wird und sie alle noch gut versorgt werden können. Es wurde beschlossen, dass Ambo und Jotto nach Ithumba gebracht werden sollten, denn die vielen wilden Bullen dort werden gute Vorbilder für sie sein, auf ihrem Weg zurück in die Wildnis, der nun beginnt. Es wird auch höchste Zeit, denn die beiden sind inzwischen zu groß fürs Waisenhaus geworden!

Anfangs sah es so aus, als ob dieser Umzug sehr schwierig werden könnte, denn Jotto weigerte sich lange Zeit strikt, in den Umzugs-LKW zu gehen! Das geplante Umzugsdatum musste verschoben werden, um ihm noch ein wenig mehr Zeit zu geben, sich mit dem LKW anzufreunden. Eines Tages hatte er es dann schließlich heraus und folgte brav seiner Milchflasche in den Transporter, und von da an klappte alles wie geplant. Die beiden machten in den Tagen vor dem Umzug gar keine Schwierigkeiten mehr, wenn es beim Umzugstraining darum ging, ihre Milch im LKW zu trinken.

Am Dienstag, den 11. Juni schließlich war es soweit, und in den frühen Morgenstunden stiegen die beiden Jungs in den Transporter ein, ohne sich auch nur einmal umzuschauen! Die Türen wurden geschlossen, und ihr vertrauter Keeper Peter leistete ihnen während der Fahrt in dem freien dritten Abteil Gesellschaft. Sie waren die ganze Reise über guter Dinge, und der Konvoi kam gut voran, mit nur einem kurzen Stopp zum tanken und einem weiteren, um etwas frisches Grün zu besorgen. Am Abzweig von der Mombasa-Schnellstraße in Kibwezi kamen Angela Sheldrick und Robert Carr-Hartley dazu, die vor Sonnenaufgang vom SWT-Hauptquartier in Kaluku aufgebrochen waren, um das letzte Stück bis Ithumba mitzukommen. Dank der neuen asphaltierten Straße ist dieser letzte Teil der Reise jetzt deutlich einfacher als früher, als von dort nur eine unbefestigte Straße zum Eingang des Nationalparks führte.

 

 

 

 

Bei ihrer Ankunft in Ithumba wurden sie von den dortigen Keepern begrüßt, bekamen etwas Milch, und dann öffneten sich die Tore des Umzugs-LKW, sodass sie herauskommen und sich umschauen konnten. Die beiden besten Freunde schienen ziemlich verwirrt zu sein, aber es dauerte nicht lange, bis ihre Freunde Malima, Mapia und Kuishi dazukamen, die erst vor zehn Tagen die gleiche Reise gemacht hatten. Die drei haben sich inzwischen sehr gut eingelebt und halfen Jotto und Ambo, sich zurechtzufinden – und sie waren offenbar begeistert, die beiden wiederzusehen! Schließlich kamen nach und nach auch die anderen Waisen, und da die beiden Jungs drei Jahre lang im Waisenhaus gelebt hatten, kennen sie etliche der Waisen, die jetzt Teil der Herde in Ithumba sind, noch von früher.

 

 

 

 

 

Jotto ist eine echte Klette, und so wich er seinem Keeper Peter nicht von der Seite und gab sich alle Mühe, sich aus dem größten Getümmel herauszuhalten. Ambo dagegen schien sich nach kurzer Zeit schon wie zu Hause zu fühlen. Nach den Begrüßungsförmlichkeiten schlenderten sie mit der Herde und den Keepern hinaus zum Grasen, und zwar gleich in Richtung des Schlammlochs – es war ein warmer Tag, und da sie gerade aus dem kühlen und feuchten Nairobi kamen, spürten die Neuankömmlinge den Unterschied schon deutlich! Die Vegetation in Tsavo ist immer ein Highlight für die Waisen aus Nairobi, denn es gibt so viel neues Futter, das sie noch nicht kennen. Die Mädchen liefen interessiert den beiden Jungs hinterher und wollten sie näher kennenlernen, und auch Rapa schien die beiden neuen Bullen sehr interessant zu finden. Insgesamt umfasst die Herde in Ithumba nun 34 Elefanten – ein beeindruckender Anblick!

 

 

 

Als sie beim Mittagsschlammbad ankamen, war dort schon einiges los: riesige wilde Bullen waren da und auch etliche ehemalige Waisen, die jetzt in der Wildnis leben. Die Neulinge bekamen alles nötige gezeigt. Die Milch in Ithumba wird mit dem Wasser aus der Gegend gemacht, das etwas lehmhaltiger ist, und Ambo schmeckte es offenbar erst nicht; kurz darauf hatte er sich aber daran gewöhnt, und trank seine Milch brav aus. Sie bekamen die Tränke gezeigt und dann das Wasserloch zum Baden. Darauf hatten sie aber offenbar keine Lust und gingen lieber zum flacheren kleineren Wasserloch mit, zu dem Esampu voran ging. So richtig hinein trauten sie sich aber auch dort nicht, sondern bespritzten sich nur mit Matsch. Nach einer Weile schlich sich Ambo plötzlich zu den wilden Bullen – offenbar hatte er sich von ihrer Größe gar nicht beeindrucken lassen – was die Keeper fast nicht mitbekommen hatten. Die wilden Jungs sind das aber durchaus gewöhnt, sie schauten dem Treiben ihrer kleinen Artgenossen gemütlich zu und ließen Ambo seinen Spaß.

 

 

 

 

Die wilden Bullen, die in der Gegend rund um Ithumba leben und jedes Jahr zur Trockenzeit beim Mittagsschlammbad zu Gast sind, kennen die Auswilderungsstation mit ihren Waisen schon. Sie scheinen die Zeit bei den Waisen und ihren Keepern zu genießen und sind dabei sehr ausgeglichen und zurückhaltend. Manchmal könnte man fast vergessen, dass sie eigentlich wilde Tiere sind, obwohl sie sehr freundlich sind und den Keepern und ihren Schützlingen mit Respekt begegnen. Es ist wunderbar zu sehen, wie diese Riesen neben ihren kleinen Artgenossen stehen, die einmal in ihre Fußstapfen treten sollen und von ihnen lernen müssen, was sie in vielen Jahren erlebt haben – all die Erfahrung, die es braucht, um in dieser weiten Wildnis in Tsavo leben zu können.

Dazu gehört es nicht nur, über die wechselnden Jahreszeiten Bescheid zu wissen, wo es wann gute Plätze zur Futtersuche und zum Saufen gibt, und wo es gefährlich ist, sondern auch die Gepflogenheiten unter den Elefanten. Diese sanften Riesen werden die kleineren Jungs erziehen und ihnen das Wissen vermitteln, das sie brauchen, was ganz entscheidend ist für den Erfolg des Waisenprojekts. Für Ambo und Jotto muss es ein beeindruckendes Schauspiel gewesen sein, bei ihrem ersten Schlammbad in Tsavo diese mehr als 40 wilden Bullen friedlich mit ihnen baden zu sehen!

 

 

 

Ithumba hat bisher wenig Regen abbekommen dieses Jahr, und es ist noch ziemlich trocken für die Jahreszeit. Es hat nur hier und da einmal geregnet, aber noch nicht großflächig. Das Gute an der Gegend ist, dass es trotz der Trockenheit noch viel Futter für die Elefanten gibt. Nichtsdestoweniger kommen immer mehr wilde Herden vorbei, weil es um die Auswilderungsstation herum das ganze Jahr über Wasser gibt. Auch die Ex-Waisen kommen langsam wieder zurück, sogar die, die lange weg gewesen waren. In den letzten Tagen war auch Olares Herde mit Melia, Kalama und Tumaren dabei, die drei Monate nicht gesehen worden waren. Und sie waren begeistert, fünf neue Babys in der Waisenherde vorzufinden! Entsprechend schwierig wurde es für die Keeper, denn die älteren Kühe machten sich gleich daran, die Neulinge zu entführen. Um den hartnäckigen Ex-Waisen aus Olares Herde einen Strich durch die Rechnung zu machen, müssen die Keeper ständig auf der Hut sein; vor allem Ambo hatte es ihnen angetan, den sie am liebsten gleich mitgenommen hätten!

Am Abend kamen die Waisen zurück zu den Stallungen, und man konnte staunend sehen, wie Jotto, Ambo, Sapalan, Malima, Kuishi und Mapia in ihr Gehege rannten – zweifellos hatten die Neulinge zuvor schon mitbekommen, wie alles ablaufen würde. Als unbedarfter Zuschauer hätte man nicht geahnt, dass es für die beiden Jungs das erste Mal war, zum Schlafen in ihr neues Nachtgehege zu kommen. Sie futterten zufrieden etwas Grün, löschten ihren Durst und legten sich dann inmitten ihrer Freunde zum schlafen hin. Der älteste Bewohner des Geheges ist der sanftmütige Sapalan, und auch er wird sich vermutlich noch an Ambo und Jotto erinnern können, denen er während seiner Tage im Waisenhaus schon begegnet ist.

(übersetzt aus dem englischen Original)

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