2 Millionen Hektar trostlose, dürre und unbewohnte Taru-Wüste bildeten eine hervorragende natürliche Grenze zwischen der geschäftigen, fruchtbaren östlichen Küstenlinie Kenias und dem Landesinneren. Dieses Gebiet wurde 1949 der Tsavo-Nationalpark. Es war das einzige leere große Stück Land, das die damalige koloniale Regierung entbehren konnte um größere Elefanten- und Spitzmaulnashornpopulationen zu beherbergen. Das Land war ödes, stacheliges Dickicht, da es nie von Menschen bewohnt worden war. Es war viel zu trocken für Landwirtschaft und durch die Schlafkrankheit übertragende Tsetsefliege tödlich für Vieh. Doch das Land war das Zuhause von tausenden Elefanten und gut 8000 Spitzmaulnashörnern. Antilopen und ähnliche Savannentiere gab es aufgrund der Beschaffenheit des Geländes nur wenig und diese waren durch das Commiphora-Dickicht gut verborgen.

 

 

Der inzwischen verstorbene David Sheldrick bekam seinerzeit die Aufgabe, die Infrastruktur anzulegen, die das trostlose, als Taru-Wüste bekannte Ödland in das verwandeln sollte, was heute der Tsavo-Nationalpark ist. Er war 1952 der erste, der glücklose Waisen rettete: Die ersten zwei Elefanten waren Samson und Fatuma, denen zu Davids Lebzeiten noch viele folgten, auch Spitzmaulnashornkälber. Eines der Nashörner wurde erst letztes Jahr Opfer von Wilderern auf der Solio Ranch und war zu dem Zeitpunkt mit gut 30 Jahren möglicherweise das älteste noch lebende Nashorn in Afrika. Tsavos Waisenbüffel bildeten die erste Büffelherde im heutigen Nairobi-Nationalpark, es gab viele große wie kleine Waisenantilopen und viele andere Waisen, die alle im Laufe der Zeit in die Wildnis zurückkehrten und dort ein wildes Leben führten. Davids Erbe lebt im David Sheldrick Wildlife Trust weiter, der nach seinem Tod 1977 in Gedenken an ihn gegründet wurde, um seine Artenschutzvisionen weiterzuführen.

 

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Die Infrastuktur, die David vor so langer Zeit in Tsavo aufbaute, enthielt auch die ersten Waisenstallungen hinter seinem Haus in Tsavo, das heute von einem neuen Parkleiter bewohnt wird. Diese sind noch immer der Kern der heutigen Voi-Elefanten-Auswilderungsstation und wurden vergrößert und erweitert, um die immer noch wachsende Zahl an Elefantenwaisen beherbergen zu können, die vom David Sheldrick Wildlife Trust im Waisenhaus in Nairobi aufgezogen werden. Ein Teil der ursprünglich drei robusten Ställe verwandelte sich im Laufe der Zeit in die Küche der Keeper sowie in einen überdachten Bereich, in dem die täglichen Milchrationen für die noch milchabhängigen Waisen gemischt werden.

 

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Eine neuere Erweiterung ist das große, von Elektrozäunen umgebene Gehege, das einst Emily und ihre Waisenfamilie bewohnten und das heute als Heilungs- und Erholungsgehege für verletzte Ex-Waisen dient, die auf der Suche nach Hilfe zu ihrer früheren menschlichen Familie zurückkehren. Das waren zum Beispiel Ex-Waise Solango, dem es gelang, mit einem gebrochenen Bein zurückzuhumpeln, Ex-Waise Ndara, die mit einem Giftpfeil in ihrem Körper zurückkam und natürlich den noch abhängigen Shimba, nachdem er von einem Löwen angefallen war als er eine Nacht bei wilden Freunden draußen war, die gemeinsam mit den Waisen während eines angsteinflößenden Gewitters flohen.

 

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Der David Sheldrick Wildlife Trust hat seit Davids Tod über 150 waise Elefanten mit der Flasche aufgezogen, von denen im Moment 17 in der Auswilderungsstation in Voi ihre Nächte verbringen. Über 45 Ex-Waisen, die von dort aus ausgewildert wurden, führen inzwischen vollkommen normale Leben in der Wildnis. Einige haben selbst wild-geborene Babys, die sie stolz bei ihren früheren Keepern vorzeigen, die dort noch immer ihr Bestes geben um die nächste Gruppe Waisenelefanten aus dem Waisenhaus in Nairobi dahin zurückzuführen wo sie hingehören, in die Wildnis!

 

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Der Tag der Waisen in Voi beginnt zum Sonnenaufgang, zu dem sie aus ihren Nachtgehegen gelassen werden. Diejenigen, die noch immer Milch brauchen, eilen dann zu ihrer ersten Milchfütterung des Tages, während die anderen, die bereits von der Milch entwöhnt wurden, die bereitgestellten Leckereien genießen. Hier gesellen sich manchmal die Ex-Waisen dazu, die jetzt wild leben, aber den Kontakt mit den Waisen aufrechterhalten. Alle Waisen bilden einen großen, locker-familiären Zusammenschluss und wann immer sie zufällig in der Gegend sind, besuchen die wilden Ex-Waisen die jüngeren Waisen. Entweder kommen sie als ganze Herde, die oft auch noch wilde befreundete Anhängsel enthält oder manchmal auch einzeln oder in kleinen Splittergruppen, die sich zeitweise von der Herde gelöst haben. Dabei kommunizieren sie mit der Herde über tieffrequenten Infraschall, der über weite Strecken übertragen wird und für die menschlichen Ohren unhörbar ist. Manchmal treffen die Ex-Waisen auch draußen im Busch oder beim Mittagsschlammbad (wo auch immer das gerade stattfindet) auf die abhängigen Waisen. Falls einer von ihnen verletzt ist und sich im Krankengehege erholt, kommen die Ex-Waisen vorbei und besuchen den Kranken, genau wie Menschen ihre Liebsten im Krankenhaus besuchen.

 

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Nach der ersten Fütterung des Tages dürfen auch die Keeper frühstücken, während die Waisen üblicherweise verschiedenen Spielchen nachgehen. Sie lieben es, sich gegenseitig in einer Art Versteckspiel zu jagen, die jungen Bullen verwickeln sich in Ringkämpfe um ihre Kräfte zu messen (was sowieso ihr liebster Zeitvertreib ist) und die größeren Mädchen übernehmen die Aufsicht über alle kleineren Elefanten und stehen bereit um die Disziplin wieder herzustellen, wenn das was als Spaßkampf begann in einen ernsteren Streit übergeht und dann einer um Hilfe schreit.

Sobald die Keeper ihr Frühstück beendet haben, machen sich die Waisen auf hinaus in den Busch um dort zu grasen. Die Elefanten entscheiden selbst, in welche Richtung es geht und die Keeper folgen ihnen lediglich, um den Elefanten das beruhigende Gefühl zu geben, dass jemand auf sie aufpasst.

 

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Während des vormittäglichen Grasens treffen die Waisen häufig auf freundliche Herden und manchmal weniger freundliche wilde Leitkühe, die sie mit einem tiefen Kollern und aufgestellten Ohren verscheuchen. Bei diesen Gelegenheiten bleiben die Keeper immer in sicherem Abstand und beobachten das Verhalten ihrer Schützlinge. All das wird für die täglichen Einträge in dem monatlich erscheinenden Tagebuch der Keeper genau beobachtet und notiert.

Lesanju ist im Moment die Leitkuh der keeperabhängigen Waisen und wird dabei von den anderen älteren Kühen Wasessa, Lempaute, Sinya, Kenia und Ndii fähig unterstützt. Lesanju neigt dazu, misstrauisch zu sein, wenn sich die Ex-Waisen zu ihnen gesellen, da sie fürchtet, dass sie ein Mitglied ihrer Herde entführen könnten. Babyklau ist üblich unter Elefantenkühen, die ihre eigene Familie verloren haben. Heutzutage sind komplette Familienverbände durch die zunehmenden Wildereien, die das Sozialgefüge der wilden Elefanten Afrikas beträchlich gestört haben, selten. Lesanju versucht also, ihre Gruppe in eine andere Richtung zu steuern, wenn sie sieht, dass die Ex-Waisen auf dem Weg zu ihnen sind oder wenn sie auf eine wilde Herde stoßen. Trotzdem ist es nicht unüblich, dass ein Elefant der Waisengruppe entscheidet, sich probeweise einer wilden Herde anzuschließen und in dem Fall kann Lesanju nichts dagegen tun, da sich Elefantenkühe (genau wie die Bullen) den älteren beugen. In letzter Zeit gewöhnt sich Lesanju aber daran, die Ex-Waisen um sich zu haben und erlebte auch das Verschwinden einer Elefantenkuh ihrer Herde, die entschieden hatte, dass es schon an der Zeit ist, wild zu leben. Trotzdem ist sie am glücklichsten, wenn sie ihre ganze Waisenfamilie für sich hat.

 

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Wenn es Mittag wird, werden die milchabhängigen Waisen unruhig und sind erpicht darauf, ihre Mittagsmilchportion zu bekommen. Sie wissen genau, dass es an der Zeit ist und machen sich zusammen mit ihren Keepern auf den Weg zum Schlammloch, wo die Milch auf sie wartet. In der Zwischenzeit wurde die Milch an den Stallungen zusammengemischt und in Flaschen zum Schlammbad gebracht. Das Schlammbad findet in der Regenzeit an einem der vielen natürlichen Wasserlöcher statt, die einen Swimming-Pool für die Elefanten darstellen. In der Trockenzeit dagegen müssen die Keeper Wasser heranholen, um den Waisen ihr Schlammbad zu liefern. Das ist sehr wichtig für ihre Hautpflege, da Elefanten keine Schweißdrüsen haben und so ihre Körpertemperatur auf andere Weise regulieren müssen. Während die milchabhängigen Waisen ihre Milch trinken, saufen die anderen Elefanten aus bereitgestellten Fässern das Wasser, das extra dafür täglich frisch dort eingefüllt wird. Oft tauchen wilde Herden auf und leeren die Tränken noch bevor die Waisen dort ankommen, sodass der Tankwagen noch einmal kommen muss! Seit Kurzem bleibt daher einer der Keeper zurück um die Tränken zu bewachen und zu verhindern, dass sie von wilden Besuchern geleert werden.

 

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An heißen Tagen bietet das Schlammbad eine tolle Gelegenheit zum Wälzen, Spielen, Umherrollen, Aufeinandersteigen und ganz allgemein zum Spaß haben. Die Waisen spielen, wie es sich gerade ergibt und auch diese Ereignisse werden für das Tagebuch der Keeper festgehalten. Manchmal gesellen sich entweder die Waisen oder wilde Elefantenfreunde zu ihnen und verbringen auch später Zeit mit den Waisen beim nachmittäglichen Grasen, bevor es dann an der Zeit ist, für die Nacht zu den Stallungen zurückzukehren. Dort gibt es die letzte Milchfütterung des Tages, bevor sie sich in ihre Gehege zurückziehen. Inzwischen liegen schon frisch geschnittene Grewia-Zweige für die Waisen als abendliche und nächtliche Naschereien bereit und die weiche rote Erde ist zu Böschungen aufgehäuft, gegen die sich die Waisen gern lehnen, während sie schlafen. Die Rinde des Grewia ist sehr nahrhaft und enthält viele wichtige Mineralien und Spurenelemente, die die Elefanten brauchen um kräftige Knochen auszubilden. Die Waisen entrinden die Zweige, indem sie sie im Mund mit dem Rüssel herumdrehen und so ein Stück Rinde lockern, die Rinde dann stückchenweise abziehen und fressen. Am nächsten Morgen liegen dann nur noch die übriggebliebenen nackten Zweige ohne die Rinde da, die die Keeper dann benutzen, um ihre Mahlzeiten zu kochen.

 

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In den Auswilderungsstationen schlafen die Keeper nicht mehr mit bei den Elefanten, wie sie das noch in Nairobi tun, aber einige sind immer in der Nähe im Dienst, für den Fall, dass in der Nacht eine menschliche Gegenwart zur Beruhigung benötigt wird.

 

Elefanten altern auf die gleiche Weise wie Menschen. Die Waisen sind also üblicherweise die ersten 10 Jahre ihres Lebens keeperabhängig. Im Gegensatz zu Menschen aber, die alles lernen müssen, sind Elefanten mit dem Grundwissen zum Überleben geboren. Da sie regelmäßig typischen Wildnissituationen ausgesetzt werden, verfeinern sie dieses Wissen und sind gut ausgestattet, wenn sie sich selbst sicher genug fühlen, die menschliche Obhut zu verlassen und wieder in die Wildnis zurückkehren.

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