Mit dem kleinen Merru hatten es die Mitarbeiter des DSWT nicht leicht. Er kam nach einer furchtbaren Odyssee ins Waisenhaus in Nairobi und hatte etliche offensichtliche Wunden, aber offenbar auch ein paar schwerwiegendere innere Verletzungen. Er war am Rand des Imenti-Waldes an den Hängen des Mount Kenya gerettet worden, wo er in einen tiefen Steinbruch gefallen war. Bevor die Wildhüter des Kenya Wildlife Service davon erfuhren und ihm zu Hilfe eilen konnten, bekam er es mit ein paar Einwohnern zu tun, die drauf und dran waren, ihn zu töten und zu verspeisen! Zum Glück gab es unter ihnen einige dem Baby freundlich gesinnte Leute, die noch rechtzeitig den KWS verständigen konnten. Trotzdem sahen sich die Ranger einer aufgebrachten Menschenmenge gegenüber, die dem kleinen Bullen schon übel mitgespielt hatte. Sie handelten schließlich aus, dass er über Nacht mit den Füßen an drei Baumstämme festgebunden werden sollte, damit er nicht weglaufen konnte. Als am nächsten Morgen der Hubschrauber mit den Keepern des DSWT angekommen war, gelang es den Wildhütern zusammen mit dem Piloten Andy Payne, die aufgeregten Bewohner von dem kleinen Bullen fernzuhalten, während die Keeper sich um ihn kümmerten. Er jammerte wegen der vielen Wunden von den Schlägen, denen er ausgesetzt gewesen war, bekam gleich ein Beruhigungsmittel, etwas gegen Entzündungen und Rehydrierungsflüssigkeit, bevor er nach Nairobi in Sicherheit gebracht wurde.

Merru im Steinbruch

Von seiner Tortur blieben offenbar schlimme Hirnverletzungen zurück, die dazu führten, dass er eine Woche lang kaum schlafen konnte, sondern stattdessen nachts immer in kleinen Kreisen, immer linksherum, in seinem Stall umher lief! Ein Spezialist untersuchte seine Augen und konnte immerhin keine Verletzung daran feststellen. Mit der Zeit besserte sich sein Zustand, dank der liebevollen Pflege seiner Keeper, und alle waren guter Hoffnung, dass er sich erholen würde. Es blieben aber einige Symptome, die an manchen Tagen stärker an anderen weniger schlimm zum Vorschein kamen. Auch blieb er langsam und lustlos, obwohl etliche Blutuntersuchungen nichts verdächtiges offenbarten.

Am Abend des 3. November kam Merru dann noch langsamer als sonst in seinen Stall zurück und sah beängstigend erschöpft aus. Obwohl die Keeper über die nächsten Tage alles versuchten, verschlimmerte sich sein Gesundheitszustand weiter und schließlich starb er am Morgen des 7. November.

Sattao, Merru und SagalaMerru und Malkia
Dieser Gang der Ereignisse sorgte natürlich für große Niedergeschlagenheit bei allen Beteiligten, nachdem es schon so aussah, als würde der kleine Merru sich erholen, trotz allem, was ihm widerfahren war. Es bleibt nur der Trost, dass er in seinen letzten Wochen viel Liebe und Zuneigung erfahren konnte und sich offenbar im Waisenhaus sehr wohlfühlte. Manchmal soll es eben nicht sein, trotz aller Bemühungen. Bei Merru waren es wohl die inneren Verletzungen, deren Auswirkungen manchmal erst sehr viel später zutage treten und denen unser kleiner Freund am Ende zum Opfer gefallen ist.

Der kleine Merru
Wir sind allen Pateneltern aus nah und fern, die Merru in Herz geschlossen haben und es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihm alle mögliche Hilfe zukommen zu lassen, sehr dankbar. Niemand hat damit gerechnet, dass es so enden würde, aber es bleibt nichts anderes übrig, als den Lauf der Dinge zu akzeptieren. Wir werden ihn nie vergessen und weiterhin alles daransetzen, seinen Freunden im Waisenhaus eine zweite Chance auf ein erfülltes Leben zu geben. Ruhe in Frieden, kleiner Merru.

 

Angela Sheldrick

 

(übersetzt aus dem englischen Original)

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