Die Waisen in der Nairobi Nursery

Der 25. Januar begann mit der Ankunft eines drei Wochen alten Babyjungen, der von der Strömung des Flusses Mogor in Trans Mara fortgerissen und erst nach etwa 200 Metern wieder ans Ufer gespült wurde. Allem Anschein nach lief er danach in das Rindergehege eines Massai-Bauern. Der lief mit ihm etwa 15 Kilometer bis zur Kilgoris Polizeistation, um den Kenya Wildlife Service (KWS) zu benachrichtigen. Einen Tag später wurde der kleine Kilgoris in die Nairobi Nursery geflogen.

Sorge machte uns Galdessa. Er nahm ab und war sehr matt, zeigte nach außen allerdings keinerlei Anzeichen für die Ursache des Problems. Shimba entwickelt sich zu einem verspielten und rechthaberischen Boy, Lesanju nahm die Rolle der Mini-Leitkuh innerhalb der Baby-Gruppe ein; ihr besonderer Liebling ist Lempaute, ein sehr aktives, wenige Monate altes Baby. Am Anfang schenkte keiner der anderen Babys dem Neuankömmling Kilgoris viel Interesse, doch innerhalb nur einer Woche war er integriert und nimmt jetzt auch an den Spielen der andern teil.

Kenze ist inzwischen in guter körperlicher Verfassung, bleibt aber ein ziemlicher Einzelgänger. Sein Gegner aus den ersten Nursery-Tagen, Kamboyo, verhält sich, äußerst clever, inzwischen sehr höflich gegenüber dem sechs Monate alten Kenze, dem nämlich schon kleine Stoßzähne wachsen… Lenana hat sich gut eingewöhnt, erinnert nicht mehr an ein dürres Bündel Elend, sondern ist prall, glücklich und gesund. Loijuk bleibt Ersatzmutter für Klein-Chyulu, und Makena vergöttert Sian, die Mini-Leitkuh.

Die Ankunft von Kilgoris erforderte eine Neumischung der Elefanten-Schlafordnung, und das beinhaltet immer jede Menge Psychologie. Wir wussten, dass ein Umzug von Loijuk eine große Niedergeschlagenheit bei Chyulu verursachen würde und dass Makena und Zurura immerfort rangelten. Kenze würde sein Nachtquartier nicht teilen wollen, und somit war die einzige Möglichkeit, Makena mit Sian zusammenzulegen, die sich sehr gern mochten. Lempaute wurde dann in den freien Stall verlegt, stand somit im Stall neben Lesanju, und Kilgoris wurde in Lempautes Quartier untergebracht. So hat es gut funktioniert, und Makena ist sehr froh, die Nächte mit Sian zu verbringen.

Die Voi-Waisen

Es war wieder ein mit Freude erfüllter Monat; es gab jede Menge Futter, randvolle Wasserlöcher, in die man komplett eintauchen konnte, Schlammpfützen, wohin man nur sah. Jeden Morgen tollten die Waisen um die Stallungen, naschten an frischer und üppiger Vegetation und badeten in einem großen natürlichen Wasserloch nahe dem Park-Hauptquartier.

Nach diesen guten Regenfällen konnten bei allen Voi-Waisen, die vier Jahre und älter sind, die regelmäßigen Milchmahlzeiten abgesetzt werden. Nur Mweigas Verfassung, die sich erst so gut verbessert hatte, verschlechterte sich nun wieder. Mweiga ist schon immer ein Rätsel gewesen-  – offensichtlich ein schwacher Elefant, der an Gelenkproblemen leidet und, so vermuten wir es zumindest, an einem Herzfehler. Dennoch genießt sie den besonderen Schutz der anderen und erhält besondere Unterstützung von ihren engsten Freunden Sosian, Mweya und Morani. Von den wilden Spielen im Schlammbad hält sie aber sicherheitshalber Abstand. Einmal tauchte dort Lolokwe Mukwaju so tief, dass auch dessen Rüssel unter der Wasseroberfläche verschwand und er keine Luft mehr bekam. Natumi (die Leitkuh) und Laikipia (der größte Bulle) haben es sofort bemerkt und jagten Lokokwe aus dem Wasserloch hinaus ins Gebüsch, wo er zur Strafe eine Weile allein bleiben musste! Ein anderes Mal tauchte Seraa so weit ab, dass man nur die Spitze ihres Rüssels sehen konnte, der sich wie ein Periskop an der Wasseroberfläche hin- und herbewegte. Jedoch war sie vorsichtig und tauchte hin- und wieder auf, um nachzusehen, ob ihr auch niemand einen Streich spielen wollte.

Ein wilder Bulle erregte die Aufmerksamkeit der Waisen, als sie gerade auf dem Mazinga-Berg waren. Er kollerte einen Gruß und hob seinen Rüssel, woraufhin ihm die Waisen mit der gleichen Geste antworteten. Jedoch war der Bulle offensichtlich in einer wichtigen Mission unterwegs und hatte keine Zeit für eine Pause. Später gesellten sich Emily und ihre Gruppe zu den Waisen im Wasserloch. Während alle eine wunderbare Zeit miteinander verbrachten, war Ilingwezi hin- und hergerissen: Eigentlich wollte sie lieber bei ihren alten Freunden bleiben, wurde jedoch von Emily weggerufen.

Am nächsten Tag bekamen die Waisen Besuch von Uaso, und sie hatten viel Spaß dabei, an jeder Seite an ihm hoch zu klettern, als er sich hinlegte. Wieder einmal war er besonders interessiert an Edie, seiner Lieblingsfreundin, doch dieses Mal beschnüffelte er lediglich ihre Genitalien, ohne zu aufdringlich zu werden.

Zwei Tage später kam Emily mit ihrer Gruppe wieder, und dieses Mal kehrte Ilingwezi abends zu den Stallungen zurück wie in den guten alten Zeiten. Emily hatte es offenbar erlaubt, denn sie versuchte nicht, sie zurückzurufen. So kam Ilingwezi in die Stockades, als wäre sie niemals weggewesen (mittlerweile ist sie ja seit Monaten ein wilder Elefant), und als sie getrunken hatte, gesellte sich freudig zu den anderen in ihren ehemaligen Stall. Bis zum Ende des Monats blieb sie bei den Waisen, und Emily kam bisher nicht zurück, um sie zu holen.

Loisaba ist mittlerweile wie besessen vom fünfjährigen Morani. Sie bewacht ihn beim Tollen im Wasserloch, hält alle anderen auf Abstand und weicht ihm beim Fressen nicht von der Seite. Bis jetzt war Ndara immer Loisabas Liebling; doch jetzt erhält Morani die uneingeschränkte Aufmerksamkeit von Loisaba und von Ndara – er hat also einen Glücksgriff gemacht! Als Leitkuh hat Natumi augenscheinlich keinen besonderen Liebling und teilt sich die Aufsicht der ganzen Gruppe mit Big Boy Laikipia, der inzwischen acht Jahre alt ist und sehr groß für sein Alter.

Serena, das verwaiste Zebra-Fohlen, und Rukinga, das verwaiste Kudu-Baby, die beide Teil der Waisen-Gruppe sind, haben bereits mit der ansässigen Impala-Herde gegrast. Diese Herde besteht aus Abkömmlingen von Daphnes geliebter Impala-Waiser Bunty, die sich entschied, zwölf Jahre ihres Lebens im Garten von Daphne und David Sheldrick zu verbringen, die Nächte jedoch bei einer wilden Herde zu bleiben. Daraus entstanden acht Nachkommen, die Daphne als Hebamme alle zur Welt bringen half. Wegen Bunty behält diese Impala-Herde einen besonderen Platz in Daphnes Herz.

Die Ithumba-Waisen

Nach zeitweilig heftigen Regenstürmen am Monatsbeginn trocknete das Land gegen Ende des Monats bereits wieder aus. Die Waisen genossen einen weiteren wundervollen Monat mit einem Übermaß an Futter, Wasser und Schlammwälzen.

Wie immer haben die ansässigen Wildhunde für einen regelmäßigen Adrenalinstoß gesorgt. Sunyei, die die Waisen anführte, stieß auf die Gruppe von normalerweise vier Wildhunden, als Yatta, Kinna, Mulika, Nasalot und Napasha sich zusammenschlossen, um die Eindringlinge zu stellen. Sie trompeteten, drohten und zertrampelten Büsche, um die Hunde einzuschüchtern und ihre Stärke zu beweisen. Ein paar Tage später trafen Sunyei, Tomboi und Wendi noch einmal auf das gleiche Rudel, und diesmal haben sie selber allen Mut zusammengenommen und sich gegen die Hunde gestellt, natürlich immer mit Rückendeckung der älteren Elefanten.

Der aufregendste Zwischenfall ereignete sich an den Ufern des Flusses Kalovoto, der nach einem schweren Regenfall geflutet war. Ein Löwe brüllte ein paar Kilometer entfernt, doch dann antwortete ein anderer ganz in der Nähe, was Waisen und Keepern sofort in Panik die Flucht ergreifen ließ. In dieser Situation war jeder auf sich allein gestellt. Die Elefanten rissen ihren Weg in verschiedene Richtungen durch das Gebüsch, jedoch alle mit dem Ziel, die schützenden Stallungen zu erreichen; und die Menschen folgten ihnen. Die Waisen kamen zuerst an, glücklicherweise vollzählig und unversehrt. Die Wärter kehrten viel später zurück, keuchend und mit zerschlissenen Regenjacken, die auf der Flucht von den Dornen im Dickicht zerrissen wurden. Die arme Lualeni rutschte während der Flucht aus, fiel hin und verletzte ihr Bein, das am Abend von den Wärtern massiert werden musste, weil sie immer noch humpelte. Sie hatte außerdem das volle Mitgefühl der anderen Elefanten, und vor allem ihre besten Freunde aus der Aufzuchtgruppe, Naserian und Kora, standen ihr zur Seite, bis es ihrem Bein wieder besser ging.

Verständlicherweise dauerte es eine geraume Zeit, bis die Waisen sich wieder einen Besuch am Kalavoto Fluss zutrauten, und als sie es endlich wagten, ließen sie sich sogar von einem winzigen Dikdik erschrecken, das aus den Büschen auftauchte. Offenbar erinnerten sie sich an den Löwen, denn sie waren für mindestens eine halbe Stunde aus der Fassung gebracht, trompeteten, rissen Äste von den Bäumen, und die Jüngeren suchten Schutz bei ihren Wärtern!

Orok ist der kleinste der Gruppe und der verwöhnte Liebling von Nasalot; doch in diesem Monat haben Sunyei und Wendi beide versucht, ihn „abzuwerben“ – jedoch ohne viel Erfolg. Einmal, während des täglichen Schlammbads, brüllte Orok aus dem naheliegenden Busch, was einen unverzüglichen Abbruch des Schlammbades zur Folge hatte. Angeführt von Nasalot eilten alle herbei, um der Ursache seiner Aufregung auf den Grund zu gehen. Es stellte sich heraus, dass es sich nur um ein paar Paviane handelte, doch alle Waisen versammelten sich um Orok und versuchten ihn zu beruhigen. Sie liebkosten ihn mit ihren Rüsseln und zeigten ihm somit ihre Unterstützung und Besorgnis. Und die Keeper waren einmal mehr beeindruckt vom Mitgefühl und dem Miteinander innerhalb einer Elefantengruppe.

Sunyei war wieder mal zu ihren berüchtigten Streichen aufgelegt, nämlich falschen Alarm bei den anderen auszulösen, indem sie so tut, als ob etwas Gefährliches hinter dem nächsten Busch lauert. Dieses Mal wurde sie unterstützt von Wendi, einem anderen Schelm in der Gruppe. Während beide zunächst den gewünschten Effekt auslösten, begriffen die anderen Elefanten aber ziemlich schnell,-  dass sie wieder auf die alten Tricks hereingefallen waren.

Wie immer waren die Jungs beschäftigt mit ihren gewöhnlichen Kräftemessen und Ringkämpfen und ließen keine Gelegenheit aus, eins der jungen Elefanten-Mädchen besteigen zu wollen, die sich aber vernünftigerweise in den Schutz der größeren Kühe zurückzogen. Besonders Kora forderte die älteren Bullen wie Madiba, dem er eigentlich sehr nahe steht, heraus. Dennoch ist er so hartnäckig, dass die Wärter in ihm einen zukünftigen „Champion“ sehen! (Zum Glück hat er den Monat ohne Zwischenfälle mit seiner Kieferwunde überstanden.) Challa erlernte seine „Schubs-Fertigkeiten“ von Selengai – eine sehr ungewöhnliche Entwicklung, die von Tomboi aber bald unterbunden wurde.

In diesem Monat gab es keine Besuche von wilden Elefanten. Nur einmal versuchten Yatta und ihre Gruppe am späten Abend, frischen Spuren zu folgen; weil es allerdings schon zu war, gaben sie die Suche bald auf und kehrten in ihre Nachtlager, die Stockades, zurück.

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